Mut zur Drehscheibe

Einen entscheidenden Schritt in die Zukunft der Plattformökonomie tätigte die in Bergheim bei Salzburg beheimatete Palfinger Gruppe bereits Ende September 2017. Im derzeit größten Gründerzentrum Zentral- und Osteuropas weXelerate in Wien eröffnete der Hersteller von Kran- und Hebebühnen einen neuen Standort. Im Umfeld von mehr als 50 Start-ups aus den Technologiefeldern Blockchain/IoT/Big Data, Mobility/AR/VR, Cybersecurity, AI & Bot sowie Venture-Firmen, Investoren und Industriepartnern entwickelt das Unternehmen neue Lösungen im Bereich Internet of Things (IoT). „Das eröffnet für Palfinger komplett neuartige Geschäftsmodelle“, frohlockte zum Start Herbert Ortner, der damalige Vorstandsvorsitzende, der heute als Venture-Partner beim Frühphasen-Investor Speedinvest tätig ist.

Die Palfinger-IoT-Plattform bietet inzwischen die technische Basis für vernetzte Produkte. Daten der Palfinger-Produkte werden hier gesammelt, analysiert und visualisiert. Das Unternehmen kann damit seinen Kunden neue Services anbieten, wie beispielsweise die proaktive und vorausschauende Wartung der Hebe-Lösungen. So bietet etwa der „Fleet Monitor“ dem Flottenmanager einen raschen Überblick über alle technischen Details und Betriebszustände der einzelnen Fahrzeuge sowie über die Gesamtflotte. Die Plattform zeigt, wo welche Geräte gerade im Einsatz sind und wie viele Arbeitsstunden absolviert wurden.

Der Plattformansatz erlaubt Palfinger inzwischen zum Beispiel „Lifting as a Service“ anstatt wie früher nur einzelne Hebekräne zu verkaufen. Palfinger gilt damit als einer der Mutmacher für Österreichs Weg in die Plattformökonomie, der insbesondere auf die Vernetzung der Daten in den Fertigungsbetrieben setzt. Denn wie auch im Nachbarland Deutschland ist die Industrie in Österreich spät, aber wohl auch nicht zu spät auf den Zug aufgesprungen.

Weit entfernt von Milliardenumsätzen

Zeit war es trotzdem: Sieben der wertvollsten Unternehmen der Welt sind Plattformen. Globale Giganten wie Amazon, Apple oder Alibaba dominieren die Plattformökonomie, vor allem im Konsumentenbereich. Aufgrund der wirtschaftlichen Performance geht das in der Plattformforschung führende Massachusetts Institute of Technology (MIT) davon aus, dass zehn Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts bereits über Plattformen erwirtschaftet werden.

Allerdings sind reine Industrie-Plattformen bislang noch weit entfernt davon, Umsätze im Milliardenbereich zu erzielen, wie die verbrauchernahen Plattformgiganten. Die Vorreiter aus den USA und China geben hier klar den Ton an – und zählen auch zu den Outperformern an der Börse, wie der deutsche Netzökonom Holger Schmidt in seinem Plattformindex seit zwei Jahren nachweist. Der Index vergleicht wöchentlich die Entwicklung der Aktien von 15 globalen Plattformspezialisten mit dem höchsten Börsenwert wie Alphabet, Dropbox, Netflix, PayPal und Weibu mit den im Dow Jones Industrial, Nasdaq Composite und DAX notierten Firmen.

60

Billionen US-Dollar Umsatz werden aufstrebende digitale Ökosysteme bis 2025 haben.

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Laut World Economic Forum zeigen aktuelle Untersuchungen, dass aufstrebende digitale Ökosysteme bis 2025 einen Umsatz von mehr als 60 Billionen US-Dollar – oder mehr als 30 Prozent des weltweiten Unternehmensumsatzes –ausmachen könnten. Dabei haben bislang erst drei Prozent der etablierten Unternehmen eine aktive Plattformstrategie eingeführt.

Schnell handeln, langfristig denken

Dazu gehören allmählich auch österreichische Firmen, beobachtet Thomas Riegler, Partner sowie Digital & Innovation Leader bei PwC Österreich: „Hierzulande wurde der Trend zu Plattformökonomien zunächst verschlafen, weil die Firmen zu lange einem linearen, erfahrungsbasierten Denken verhaftet blieben. Der B2C-Markt ist für uns inzwischen gelaufen. Wenn wir aufholen können, dann im B2B-Bereich und mit technologischen Marktplätzen und Plattformen im Anlagen- und Maschinenbau, wie das Beispiel Palfinger zeigt. Da können wir Österreicher mit unserer Ingenieur- und Industriekompetenz punkten. Boards und Führung müssen jetzt die Wirtschaftlichkeit von Plattformgeschäftsmodellen in viel größerer Tiefe erkennen und verstehen, wie man sie bedient. Dann eröffnen sich zahlreiche Chancen, die tradierte Unternehmen ergreifen können. Sie müssen jetzt nur schnell handeln, aber langfristig denken.“

Denn die etablierten Spieler warten nicht. Mit jeder Plattform, die von den USA oder China ins Land kommt, gehe auch Wertschöpfung dorthin –und Österreichs Industrie blute aus. „Am schnellsten kommen wir vorwärts, wenn die verantwortlichen Industrie- und Unternehmenslenker übergreifend denken und gemeinsam innovieren, um den Wettbewerbern Paroli zu bieten“, sagt Plattformexperte Riegler. „Wenn sich fünf Zulieferer zu einer Plattform zusammentun, ist auch die Finanzierung leichter und man tritt in der Industrie mit vereinten Kräften auf. Und schließlich sind unsere Erfahrung sowie die tiefe Industrie- und Technologiekenntnis ein wertvolles Asset, das wir als Trumpf ausspielen können.“

Zwingende Veränderung der Unternehmenskultur

Professorin Ruth Breu, Leiterin des Instituts für Informatik an der Uni Innsbruck und zugleich Leiterin der Forschungsgruppe Digitale Plattformen am Fraunhofer Austria Innovationszentrum „Digitale Transformation der Industrie“ in Tirol, sieht die derzeit entstehenden Netzwerke, Sharingdienste, IoT-Plattformen sowie Mobilitäts- und Medienplattformen als „Drehscheiben der digitalen Wirtschaft“. Denn es sind nicht mehr nur zwei Seiten, die ein Geschäft miteinander betreiben, sondern es werden letztendlich unendlich viele Menschen, Produkte, Medien, inklusive Information, zusammengebracht und neue Angebote möglich.

„Der Plattformgedanke verändert die Art und Weise, Geschäfte zu betreiben“, sagt die Professorin. „Zum einen durch Vernetzung unterschiedlicher Akteure, die für ein bestimmtes Geschäft notwendig oder relevant sind, egal ob es um Kühlschränke oder Zugverbindungen geht. Und zum anderen durch die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle auf der Basis von Daten.“ Um dabei erfolgreich zu operieren, müssten Unternehmen ihr Geschäft aber mit einer neuen Denkweise angehen, nämlich nicht nur Produkte zu verkaufen, sondern Kundenprobleme zu lösen. Zum Beispiel zusammen mit einer Heizung ein perfekt temperiertes Haus oder mit einer Maschine den Betrieb einer Produktionsanlage anbieten.

Dazu gehöre dann auch ein Weiterdenken, was das für die Firmen-IT bedeutet. „Die muss so agil sein, ein digitales Geschäftsmodell zu tragen“, sagt Professorin Breu. „Das betrifft nicht nur den Umbau der IT-Architektur, sondern auch die Auswirkungen auf Cybersecurity und Datenschutz. Wichtig ist es, ein durchgängiges Business-IT-Ökosystem aufzubauen, bei dem sich Datenschutz und Compliance aus der Sicht des Geschäfts so gestalten lassen, dass man als Unternehmen Qualität ebenso wie die Risiken im Blick behält. Gleichzeitig gilt es, eine gute Datenbasis zu schaffen für das Business-Alignment, die Klarheit schafft, welche Geschäftsprozesse unterstützt werden und mit welchen Kosten das verbunden ist.“

„Der Plattformgedanke verändert die Art und Weise, Geschäfte zu betreiben.“

Prof. Ruth Breu, Leiterin Institut für Informatik Universität Innsbruck

Damit einher geht für die Plattformvordenkerin auch eine zwingend notwendige Kulturveränderung. Wo bisher einzelne Personen verantwortlich waren, spielt in der Plattformökonomie auch in Unternehmen alles zusammen: die Aufgaben von CEO, CIO, IT-Architekten, Datenschutzbeauftragten, Produktionsleitern und Personalverantwortlichen. „Alle müssen das Zusammenwirken bedenken. Das Silo- und Ressortdenken muss sich auflösen. Die Organisationen müssen sich schnell anpassen und transformieren. Und sie müssen die richtigen Mitarbeiter finden und die angestammten Kräfte intensiv weiterbilden.“

Nicht zuletzt sieht sie auch die Politik in der Pflicht, entsprechende Regeln auszuarbeiten sowie Infrastruktur und ein Umfeld zu schaffen, in dem Plattformen in Österreich besser gedeihen und Start-ups mit neuen Geschäftsmodellen sich entfalten können.

Start-ups als Hoffnungsträger

Den Mehrwert innovativer Plattformangebote verdeutlicht etwa das Beispiel des 2014 gegründeten Start-ups myClubs. Das junge Unternehmen fungiert als Sport-Aggregator, der die im Markt vorhandene Sportinfrastruktur und angebotene Sportarten auf einer Plattform digitalisiert zusammengefasst und als App in einer Art Meta-Mitgliedschaft als Abo an den Markt gebracht hat. Die charmante Idee von Gründer und Geschäftsführer Tobias Homberger: Freizeitsportlern steht eine riesige Vielfalt an Sportarten und Kursen zur Verfügung, zu denen sie auch über die App einchecken können. myClubs übernimmt dabei die Vergütung der Sportanbieter. „Die Sportkultur hat sich geändert. Vielfalt und Flexibilität stehen heute im Vordergrund – und genau hier setzt myClubs mit seinem digitalen Sportzugang an“, erklärt Tobias Homberger. Seit 2015 können myClubs-Mitglieder aus einem umfangreichen, saisonbezogenen Sportangebot von rund 1000 Anbietern wählen. Darunter fallen auch Skifahren, Stand-up-Paddeling oder Wakeboarden. Und das Geschäftsmodell geht auf: myClubs ist, gemessen an der Anzahl der Sport-Locations und Kursangebote, der größte Sportanbieter in 13 Städten in Österreich und der Schweiz.

350.000

Personen gehen jeden Monat auf der Plattform Hokify auf Jobsuche.

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Als Makler zwischen Angebot und Nachfrage versteht sich auch das 2015 gegründete Wiener Start-up Hokify. Dort gehen inzwischen jeden Monat 350.000 Personen auf Jobsuche bei 15.000 registrierten Unternehmen. Die junge Firma versteht sich als Plattform, auf der sich Jobsuchende und Unternehmen gezielt miteinander vernetzen können. Ein eigener Algorithmus besorgt das Matching zwischen Jobsuchenden und Anbietern: „Kandidaten legen ein Profil an und bekommen auf Basis der Profile passende Jobvorschläge und können sich mit wenigen Klicks bewerben“, beschreibt Mitgründer Karl Edlbauer die Funktionsweise von Hokify.

Stellt das Unternehmen über seinen Algorithmus fest, dass für bestimmte Jobprofile gerade keine Suchen vorliegen, werden die Nutzerdaten anonymisiert ausgewertet und je Jobprofil eine Zielperson erstellt, mit bestimmten Verhaltensweisen und Eigenschaften. Potenziell für ein Jobprofil passende Kandidaten kann Hokify dann auf sozialen Netzwerken identifizieren. „Damit kann ein Unternehmen auch Personen erreichen, die zwar noch angestellt sind, aber bei einem entsprechenden Angebot bereit wären, die Stelle zu wechseln, das erweitert die Zielgruppe enorm“, sagt Karl Edlbauer.

Der Staat als Vorreiter bei Plattformen

Bei Verwaltungsplattformen ist Österreich manchen Ländern sogar um einiges voraus. Etwa bei der 2014 gestarteten elektronischen Gesundheitsakte (ELGA), mit der Österreich eine Vorreiterrolle in Europa übernommen hat. Bei ELGA stehen die Gesundheitsdaten (E-Befunde und E-Medikation) im Rahmen einer medizinischen Behandlung oder Betreuung für einen begrenzten Zeitraum auch den behandelnden Krankenanstalten, niedergelassenen Kassenärzten und Ambulatorien, stationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen sowie Apotheken zur Verfügung. Die Daten bleiben beim Erzeuger und werden nur virtuell vernetzt.

Und im März dieses Jahres wurde die Drehscheibe oesterreich.gv.at in Wien präsentiert. Unter der Führung des Bundesministeriums für Digitalisierung entstand eine umfassende Online-Plattform, auf der Bürgerinnen und Bürger zeit- und ortsunabhängig über das „Digitale Amt“ auf ihren Desktops oder mobilen Geräten Informationen abrufen sowie digitale Amtswege erledigen können. Dazu zählen zahlreiche Services, wie etwa das elektronische Postfach MeinPostkorb, der Familienbonus-Plus-Rechner sowie die Portale FinanzOnline, Unternehmensserviceportal, Transparenzportal und e-Tresor zum Speichern wichtiger digitaler Dokumente. Ein Chatbot hilft als elektronischer Verwaltungsassistent bereits bei einigen Themen und wird kontinuierlich ausgebaut.

Bildnachweis: © Getty Images

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