Der Quantensprung

Dramatischer hätte die Kernbotschaft kaum klingen können. „Rebellion im Recht“ lautete das Motto der Konferenz Vienna Legal Tech 2019 (VLT19), die Anfang Mai in Wien zahlreiche internationale Experten versammelte. Der Anlass waren aber weder Gesetzesänderungen noch ein Aufstand von Rechtsanwälten. Sondern im Fokus stand ein Thema, das die künftige Arbeit von Rechtsanwaltskanzleien und Rechtsabteilungen von Unternehmen dramatischer verändern wird als gemeinhin noch angenommen, nämlich der praxisbezogene Einsatz von Legal Tech. Der Begriff „Legal Tech“ bezeichnet Software und Online-Dienste, die juristische Arbeitsprozesse unterstützen oder gänzlich automatisiert durchführen.

Wer bereits damit konfrontiert war, Legal Tech in die Kanzlei oder die Rechtsabteilung einzuführen, der ist mit einer langen Reihe an Fragen konfrontiert: Wie komme ich zu dem Tool, das ich brauche? Was muss ich tun, damit dieses auch von Kollegen und Kolleginnen angenommen wird? Welche Schritte muss ich vor der Implementierung noch berücksichtigen? Die Antworten darauf lieferte die Konferenz.

„In Unternehmen und Kanzleien wird die juristische Arbeit komplett anders werden.“

Christian Öhner, Head of PwC Legal Österreich

„In Unternehmen und Kanzleien wird die Arbeit komplett anders werden. Da wird vieles an bisheriger Datenaufbereitung wegbrechen, da etwa die künstliche Intelligenz einiges schneller und besser kann als der Mensch“, beschreibt Christian Öhner, Gründungsmitglied von Disruption Disciples Austria, dem Veranstalter der Konferenz, die Dringlichkeit des Themas. Disruption Disciples ist eine in 55 Ländern aktive internationale Gruppierung, die auch engagierten Mitgliedern aus anderen Branchen und aus ganz Österreich offensteht. Auf der Plattform diskutieren Gleichgesinnte aus unterschiedlichen Fachbereichen zum einen, wie sich digitale Technologien im Rechtsbereich sinnvoll einsetzen lassen, und zum anderen geben sie Inspirationen in Bezug auf die Möglichkeiten weiter, die sich schon heute in der Praxis bewähren.

Fehlende Digitalaffinität

Für den Legal-Tech-Experten arbeitet die Rechtsindustrie heute im Wesentlichen nicht viel anders als vor 30–40 Jahren. „Der Rechtsbereich ist leider noch sehr weit weg vom Grad der Digitalisierung, wie er in anderen Bereichen bereits umgesetzt ist“, beobachtet Christian Öhner in der Praxis. „Es herrscht ein riesiger Nachholbedarf. Denn Anwälte sind vom Mindset und der Ausbildung her nicht sehr digitalaffin. Zudem ist der Leidensdruck noch nicht so groß. Aber er wird für jeden gewaltig, der sich jetzt nicht richtig orientiert. Abwarten ist angesichts der Rasanz, mit der digitale Technologien jetzt auch in den Rechtsbereich vordringen, keine Option mehr.“

<p>Das Programm der Vienna Legal Tech '19 führte die Teilnehmer und Teilnehmerinnen Schritt für Schritt durch den Prozess der Technologisierung in Rechtsbereich.</p>

Das Programm der Vienna Legal Tech '19 führte die Teilnehmer und Teilnehmerinnen Schritt für Schritt durch den Prozess der Technologisierung in Rechtsbereich.

Daher war es eines der zentralen Ziele der VLT19-Konferenz, Awareness dafür zu schaffen, dass und wie sich die Rechtsfunktion in der Rechtsabteilung ändert und was heute schon getan werden kann, um digitale Technologie sinnvoll einzusetzen. „Wir wollen auch Konferenz-übergreifend klarmachen, dass wir einen Quantensprung beim Technologieeinsatz vollziehen müssen. Das betrifft vor allem das Design der Arbeit in einer Rechtsanwaltskanzlei beziehungsweise einer firmeninternen Rechtsabteilung“, sagt Öhner, der auch PwC Legal in Österreich verantwortet. „In juristischen Abteilungen von Unternehmen herrscht derzeit überwiegend noch ein Papierkrieg feinster Güte vor. Die Prozesse dort stehen aber heute in Konkurrenz mit dem enorm einfachen digitalisierten Abschluss eines Vertrags mit Amazon, wie ihn jeder aus dem täglichen Leben kennt.“

Konkreter Nutzen von Legal-Technologie

Den praktischen Nutzen von Automatisierung und künstlicher Intelligenz verdeutlicht etwa ein Beispiel aus dem Bereich der Compliance. Seitenlange juristische Texte beschreiben heute in der Regel, ob und in welchen Fällen etwa Vertriebsmitarbeiter Geschenke annehmen dürfen. „In der Praxis kann eigentlich niemand erwarten, dass diese ausgeklügelten juristischen Texte im Vertrieb auch richtig verstanden werden“, so Christian Öhner. „Legal-Technologie eröffnet die Möglichkeit, das Ganze in einen intelligenten Fragebogen zu verpacken, aus dem der Vertriebsmitarbeiter sofort ersehen kann, ob er im jeweiligen Fall eine Einladung oder ein Geschenk annehmen darf oder nicht.“

<p>Bei der Vienna Legal Tech '19 drehte sich alles um die Entwicklung der passenden Legal Tech Strategie, neue Arbeitsprozesse in der juristischen Arbeit sowie deren Umsetzung.</p>

Bei der Vienna Legal Tech '19 drehte sich alles um die Entwicklung der passenden Legal Tech Strategie, neue Arbeitsprozesse in der juristischen Arbeit sowie deren Umsetzung.

Der PwC-Legal-Experte ist überzeugt: Sehr viele der heutigen Standardvertragsprozesse bis hin zu einer langwierigen Due Diligence werden künftig weitgehend ohne menschlichen Input bearbeitet werden können oder entfallen ganz. Dadurch wird zusätzliche Kapazität und Kreativität für wichtigere Fragestellungen frei. Gleichzeitig nimmt die Bedeutung von Datenschutz und Cybersecurity gerade im Rechtsbereich zu.

„Es kann sogar gut sein, dass wir künftig weniger Juristen brauchen.“

Christian Öhner, Head of PwC Legal Österreich

Für Unternehmen und Rechtsanwaltskanzleien steigt damit die Verantwortung, weniger Werkbank wie bisher als vielmehr Systemlöser für komplexe Vertragsabschlüsse zu werden, sagt Christian Öhner: „Es wird zu einer Symbiose dessen kommen, was die Algorithmen besser können und was die Expertise des Menschen ist. Das ist eine sehr große Herausforderung. Zumal aktuell kein Mensch wirklich sagen kann, wie wir die Ausbildung daraufhin gestalten sollen. Es kann sogar gut sein, dass wir künftig weniger Juristen brauchen.“

Weit mehr als ein Hype

Digitale Technologien sind auch das Steckenpferd von Silke Graf. Die promovierte Rechtsanwältin ist als Senior Associate und Head of Legal Tech & Knowledge Management bei PwC Legal tätig und ebenfalls Gründungsmitglied von Disruption Disciples in Österreich. „Wir setzen uns hier bereits aktiv mit dem Thema auseinander und implementieren unter anderem Anwendungen, die auf Machine-Learning und künstlicher Intelligenz basieren.“

Für Silke Graf ist diese Entwicklung alles andere als ein Hype: „Wir beginnen gerade erst zu erkennen, wie umfassend dieser Bereich unsere Arbeit als Juristen im Unternehmen und als Rechtsanwälte verändern wird. Legal Tech bedeutet einen permanenten Wandel, weil nahezu täglich neue technologische Entwicklungen auf den Markt kommen.“

Bildnachweis: © Getty Images

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