Interview

„Durchbruch für die Menschheit“

Was bedeutet der innovative Bereich Genome Editing für die Gesundheitsindustrie?
Das ist ein stark aufstrebendes Geschäftsfeld. Es könnte sowohl für die Menschheit als auch für viele Pharmaunternehmen der Durchbruch bei der Bekämpfung von genetisch verursachten Krankheiten sein.

Wo stehen die Unternehmen in der Entwicklung des neuen Bereichs Genome Editing aktuell? 
Alle größeren Pharmaunternehmen weltweit sind auf dem Gebiet schon tätig. In den USA sowie der EU gibt es bereits erste Zulassungen für onkologische Genome-Editing-Verfahren. Allerdings stehen wir grundsätzlich vor einer großen Herausforderung: Die nicht triviale ethische Problematik gilt es dringend zu klären. Wenn in Keimzellen eingegriffen wird, wie in China, greift man damit auch in den Gen-Pool ganzer Generationen ein. Das muss grundsätzlich verhindert werden. Die österreichische Gesellschaft sollte aber auch bezüglich dieses Zukunftsbereiches offen bleiben und in der Ethikdiskussion nicht in Panik verfallen, da wir sonst Gefahr laufen, in Zukunft wichtige Entwicklungen zu verpassen.

Gehen wir davon aus, dass seriöse Unternehmen sich ethisch verhalten. Was sind dann darüber hinaus die aktuell größten Herausforderungen?
Das betrifft zum einen die Produktion. Eine Therapie über die Entnahme von Stammzellen zieht eine längere Behandlungskette nach sich, die Supply Chain wird da eine wichtige Rolle spielen. Es werden entsprechende Produktionsstätten mit besonderen Qualitätsanforderungen erforderlich. Beim Genome Editing besteht ein wesentlich höherer Anspruch an jeden einzelnen der Schritte im Therapieprozess: Behandlung, Veränderung der Gensequenzen und Rückführung des Materials. Mit der heute noch üblichen Tablette haben wir ja noch mehr oder weniger das Prinzip „one size fits all“, bei der künftigen Precision Medicine läuft es dagegen hinaus auf das „one size fits one“.

Eine weitere entscheidende Frage, die es zu lösen gilt, ist das künftige Pricing. Wenn gegenüber einer herkömmlichen Therapie eine solche Genom-Behandlung, wie etwa derzeit bei Novartis in den USA, 475.000 US-Dollar kostet und die lebenslange Behandlung eines chronisch Kranken im Vergleich im Monat 1.000 US-Dollar verschlingt, ist das nicht nur eine ethische Frage. Zumal noch keine ausreichenden Studien vorliegen, die besagen, dass die Genom-Behandlung auch in 30 Jahren noch wirkt. Im Klartext: Ja, eine Genom-Therapie ist derzeit teuer, aber ob das unter Abwägung aller Vor- und Nachteile langfristig zutrifft, kann niemand seriös sagen.

Bei welchen Unternehmen bewegt sich derzeit am meisten – in den großen Konzernen oder bei den Start-ups? 
Es gibt zahlreiche Start-ups, die auf dem Gebiet forschen, aber auch alle namhaften Konzerne investieren massiv. Dabei laufen die Pharmaunternehmen Gefahr, sich darauf zu versteifen, dass nur ihre Behandlungsmethodik künftig zur Anwendung kommen soll. Sie gründen zudem eigene Firmen, die als Start-ups an dem Thema forschen. Viele eigenständige Start-ups dagegen sind wesentlich offener und möchten sich eher als neutrale Plattform für Ärzte, Patienten und Kliniken etablieren. In Österreich dürfen genetische Daten allerdings nur sehr eingeschränkt verwendet werden, beispielsweise für die Feststellung, Prävention oder Therapie einer Krankheit.

Könnte man Genome Editing auch als eine Art Schöpfung 4.0 bezeichnen?
Wir bezeichnen diesen Bereich eher als „Predictive Medicine“. Der Begriff „Schöpfung 4.0“ ist aber natürlich naheliegend. Denn beim Genome Editing wird durch Veränderung etwas Neues geschaffen, und um das zu ermöglichen, sind Massendaten notwendig. Wenn Unternehmen in eine neue Technologie gehen, wird das immer zunächst im Kleinen getestet. In diesem Fall besteht das Problem, dass eben riesige Datenmengen erforderlich sind, um die notwendige Individualisierung genau durchführen zu können und genau diejenige Gensequenz zu lokalisieren, die verändert werden muss. Bei seltenen genetisch verursachten Krankheiten, um die es ja zunächst geht, stehen noch nicht in ausreichendem Maß klinische Studien und Daten zur Verfügung, sodass viele Pharmakonzerne zunehmend intensiver mit Universitätskliniken kooperieren.

Bildnachweis: PR (2)

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