Nein!

Mit einem simplen Aufkleber fing alles an: „Ein ganzes Volk, das Schutzgeld zahlt, ist ein Volk ohne Würde.“ Überall in Palermo sahen die Menschen im Juni 2004 diesen Spruch. Auf kleinen Aufklebern, die jemand auf Straßenlaternen, Mülleimern und Hauswänden verteilt hatte. Francesca Vannini Parenti rätselte wie alle Palermitaner, was das zu bedeuten hatte. Das war nur der Anfang: Ganz normale Bürger wagten plötzlich den Aufstand gegen die bisher so omnipräsente und gewalttätige Mafia.

Das Schutzgeld-Problem
Die meisten Geschäftsleute in Palermo – kleine Tabakhändler ebenso wie edle Juweliere – zahlen Schutzgeld, auf Italienisch „pizzo“. Handlanger der sizilianischen Mafia „Cosa Nostra“ treiben es ein. Das bringt der Verbrecherorganisation Geld – und die Kontrolle über das jeweilige Viertel. Geld und Kontrolle, darauf ist die Mafia aufgebaut, und so kann sie wie ein Staat im Staat nach eigenen Gesetzen operieren. Jeder auf Sizilien weiß das, aber niemand hat offen darüber geredet. Bis 2004.

Gut 13 Jahre später sitzt Francesca im Büro von Addiopizzo Travel, in einem alten Bahnhofsgebäude außerhalb von Palermo. Wer auf Sizilien Urlaub machen möchte, ohne die Mafia zu unterstützen, kann hier seine Reise buchen. Addiopizzo, so heißt die Organisation, die mit den frechen Aufklebern ihren Anfang nahm. „Addiopizzo“ ist auch ihr Schlachtruf: „Tschüss, Schutz­geld.“ Den kennt in Palermo heute jeder.

<p>Aufkleber von Addiopizzo warnen: „Jeder, der Schutzgeld bezahlt, unterstützt das System der Mafia.“</p>

Aufkleber von Addiopizzo warnen: „Jeder, der Schutzgeld bezahlt, unterstützt das System der Mafia.“

Die Reiseagentur ist der kommerzielle Ableger, Francesca Vannini Parenti ist hier von der langjährigen Ehrenamtlichen bei Addiopizzo zu einer von vier Angestellten geworden. Alle zusammen kämpfen sie gegen die alte sizilianische Gewissheit, dass die Mafia sagt, wo es langgeht. „Ein ganzes Volk, das kein Schutzgeld zahlt, ist ein freies Volk.“ Als sie damals diesen zweiten Aufkleber sah, erzählt Francesca, habe sie begriffen, dass die Angelegenheit kein Scherz war. Jemand wollte den Menschen in ihrer Heimatstadt etwas mitteilen. Brecht das Schweigen, wollte er sagen.

Eine typische sizilianische Kindheit
Francesca hat das große Trauma der Stadt als Kind verinnerlicht: die Mafia-Morde an Giovanni Falcone und Paolo Borsellino im Jahr 1992. Die berühmten Richter, nach denen Palermos Flughafen benannt ist, waren erfolgreich im Kampf gegen die Cosa Nostra. Hunderte Mitglieder brachten sie ins Gefängnis. Als sie getötet wurden, merkten die Kinder Palermos an dem Schock, der die Stadt lahmlegte, welche Bedrohung die Mafia war. „Aber in meinem Alltag habe ich gedacht: Ich kann nichts tun, ich bin machtlos“, erzählt Francesca. Sie ist glücklich darüber, dass sie einen Weg gegen die Mafia gefunden hat, den sie gemeinsam mit anderen gehen kann.

Widerstand statt Pub-Eröffnung
Eher zufällig erfuhr Francesca vor 13 Jahren, wer hinter den aufrüttelnden Sprüchen auf den Aufklebern steckte: Ein Vertretungslehrer ihrer Schwester, der Philosophiestudent Vittorio Greco, hatte sie mit einer Gruppe von Freunden in der Stadt verteilt. Die Gruppe hatte eigentlich eine Kneipe eröffnen wollen. Aber als die Freunde merkten, dass sie automatisch das Schutzgeld in ihre Kalkulationen einberechneten, ging ihnen ein Licht auf: Nein. Sie wollten es nicht bezahlen. Anstatt einen Pub zu eröffnen, gründeten sie Addiopizzo.

<p>Francesca Vannini Parenti (o.) und Addio­pizzo-Mitgründer Vittorio Greco beweisen Zivilcourage im Kampf gegen die Mafia.“</p>

Francesca Vannini Parenti (o.) und Addio­pizzo-Mitgründer Vittorio Greco beweisen Zivilcourage im Kampf gegen die Mafia.“

Die Idee: Wenn sie das Problem in die Öffentlichkeit zwingen und sich gemeinsam wehren, werden immer mehr Geschäftsleute stark genug, um „Nein“ zu sagen. Und wenn sie bekannt machen, wer kein Schutzgeld zahlt, können die Menschen durch ihr Konsumverhalten diese Nein-Sager unterstützen. Konsumkritik. Aufklärung. Öffentlichkeitsarbeit. Mut. So fing es an. Bis heute finanziert sich die Organisation ausschließlich über Spenden, bis auf eine Bürokraft arbeiten alle ehrenamtlich.

Das Zeichen an der Tür
1.100 Geschäfte stehen inzwischen auf der Liste der Bewegung: Sie zahlen kein Schutzgeld und zeigen dies öffentlich mit einem Zeichen an ihrer Tür. Ihre Namen sind heute auf eigenen Stadtplänen und Flyern zu finden. „Jeder, der einen Laden neu eröffnet, sollte sofort mitmachen“, sagt Francesca. „Denn wir wissen, dass die Mafia Geschäfte, an denen unser Zeichen steht, in Ruhe lässt.“ Das sei wie bei einem Haus, an dem „Vorsicht, bissiger Hund“ steht, sagt sie und lacht bei der Vorstellung. „Man lässt es lieber, da einzudringen, denn man kann nicht sicher sein.“ Dass das so ist, haben Kronzeugen der Mafia vor Gericht bestätigt.

Elena Lo Cicero gehört zu den Geschäftsleuten auf der öffentlichen Addiopizzo-Liste. Die 38-jährige Palermitanerin betreibt das Bed & Breakfast „L’Olivella“ in dem alten Palazzo ihrer Familie, in der Nähe des berühmten Teatro Massimo. „Es ist einfach das Richtige“, sagt sie. „Es ist ethisch richtig, und man kann im Kleinen etwas ändern in dieser Stadt.“ Elena weiß, dass die Mafia auf Sizilien weiter stark verwurzelt ist. „Aber sicher hilft die Haltung der jungen Menschen, die erhobenen Hauptes vorangehen wollen, dass dieses Land in eine bessere Zukunft blicken kann“, sagt sie.

<p>Silvia Pellegrino, Chiara Capri, Lidia Cervillera (von li.) haben auch Führer für den schutzgeldfreien Einkauf entworfen.</p>

Silvia Pellegrino, Chiara Capri, Lidia Cervillera (von li.) haben auch Führer für den schutzgeldfreien Einkauf entworfen.

In ihrer zur Pension umfunktionierten, großzügigen Wohnung serviert Elena morgens zu Kaffee und Zitronenkuchen den Addiopizzo-Stadtplan, in dem die schutzgeldfreien Betriebe aufgeführt sind. Sie selbst hat sich 2010 auf die Liste setzen lassen. „Es erfordert schon eine Form von Mut“, räumt sie ein, „aber es ist ja eine Gemeinschaft von vielen, wir sind nicht allein.“ Bei ihr hat es die Cosa Nostra noch nicht versucht. „Aber sollte einer kommen, würde ich ihn sofort anzeigen“, sagt sie.

Die Ikone der Bewegung
„Zeigen wir sie gemeinsam an“: Auch das ist ein Motto von Addiopizzo. 100 der derzeit 1.100 Geschäfte auf der „Pizzo-free“-Liste haben früher Schutzgeld gezahlt. Berühmtheit für seinen Mut und seine Unbeirr­bar­keit erlangte Vincenzo Conticello als Besitzer des traditionsreichen Lokals „Anti­­­ca Focacceria San Fran­cesco“. Die Mafia hatte es unterwandert. Er brachte seine Erpresser vor Gericht, wurde bedroht, der Laden wurde angegriffen, Kunden blieben weg – er beugte sich nicht. Lange Zeit brauchte er Polizeischutz. Conticellos Geschichte zeigt, wie schlimm es werden kann. Unter den Geschäften auf der Addiopizzo-Liste ist er laut der Organisation einer von zweien, dem es so ergangen ist.

Er wird bewundert. Und irgendwann wollte er nicht mehr. Conticello verkaufte sein Geschäft 2013, da war es schon eine kleine Kette geworden mit Niederlassungen in Mailand, Rom und Bergamo. Neuer Eigner ist der Verlag Feltrinelli, mit dem er schon länger zusammengearbeitet hatte. Das Zeichen von Addiopizzo klebt weiterhin an der Tür, Feltrinelli betont, dass das Bekenntnis zu ethisch verantwortlichem Handeln eine wichtige gemein­same Grundlage für die Partnerschaft mit Conticello gewesen sei.

Niederlagen gehören dazu
Addiopizzo musste auch Niederlagen einstecken. Ihr Angebot, Geschäfts­besitzern beim Anzeigen ihrer Erpresser zu helfen, ist nach wie vor heikel. Die Organisation spürt dies in den armen Gegenden Palermos. Nach einer erfolgreichen Anti-Mafia-Razzia der Polizei verteilten sie in einem der verfallenden Viertel ihre Flyer mit dem Angebot, allen unterstützend zur Seite zu stehen, die ihre Erpresser anzeigen wollen. Aber sie mussten feststellen, dass bei vielen Menschen dort weiter das Gefühl dominiert, man lege sich besser nicht mit der Mafia an, sie beschütze einen schließlich. Die Bewohner begegneten Addiopizzo mit Misstrauen.

<p>Die Besitzer der „Antica Focacceria San Francesco“ sind in Palermo für ihren Mut als Schutzgeld-Gegner berühmt.</p>

Die Besitzer der „Antica Focacceria San Francesco“ sind in Palermo für ihren Mut als Schutzgeld-Gegner berühmt.

Vertrauen zu gewinnen, musste das neue Ziel sein. Das versucht die Bewegung mit einer Art selbst organisiertem Quartiersmanagement. Addiopizzo will Kindern in den armen Vierteln die Idee von einem freien, selbstbestimmten Leben vorleben. „Sie haben nichts, deshalb sind anfällig für die Mafia“, sagt Francesca. Zwei Ehrenamtliche gehen nachmittags auf die Piazza Magione und bieten den Kindern ein Freizeitprogramm. „Am Anfang haben sie nicht gesagt, von welcher Organisation sie sind“, erzählt Francesca.

Eine neue Generation Sizilianer
Inzwischen hätten die Eltern, die selbst oft sehr jung und ohne Perspek­tive seien, verstanden, wer da für ihre Kinder Fußballturniere und Spiele­nachmittage organisiere. Sie akzeptierten es. „Auf diese Weise können die Kinder eine andere Welt kennenlernen“, sagt Francesca. Eine, in der sie ermuntert werden, sich auszuprobieren, in der sie ernst genommen werden. Und eine, in der sie nicht beim Fußballturnier mitmachen dürfen, wenn sie die Regeln verletzen: Zwei Jungs wurden ausgeschlossen, weil sie Fahrräder geklaut und damit angegeben hatten. Der Ausschluss vom Turnier traf sie hart. Ob die Lehre genützt hat? „Die waren schon zwölf, es könnte zu spät gewesen sein“, sagt Francesca mit einem resignierten Lächeln. Immerhin: Die Kleineren haben es mitbekommen.

Kinder und Jugendliche mitzunehmen, ist wichtig. Deshalb geht Addiopizzo auch in die Schulen Palermos und informiert im Unterricht über die Mafia, das Schutzgeld und ihre Arbeit dagegen. Das schafft mehr Öffentlichkeit. Und eine neue Generation Sizilianer, die kritischer ist als alle vorherigen. Dazu passt das Büro an der Via Lincoln in Palermo. Früher gehörten die weitläufigen, marmorierten Räume einem Cosa-Nostra-Boss. Der sitzt jetzt im Gefängnis. Die Stadt hat ihn enteignet. Wo er einst seinen auf Schutzgeld begründeten Reichtum zur Schau stellte, wird heute dagegen gekämpft.

„Die Mafia ist eine Tragödie“: So nennt es Donatella Pucci. Die Signora besitzt in den Hügeln vor Cefalù, etwa 60 Kilometer östlich von Palermo, die „Azienda agricola Guarnera“, wo sie auf acht Hektar Land Oliven, Limetten, Zucchini und mehr anbaut. Vieles davon serviert sie abends frisch zubereitet ihren Pensionsgästen – die nicht selten genau deshalb kommen, weil die Signora auf der Liste schutzgeldfreier Betriebe steht. Donatella Pucci ist froh über Addiopizzo. „Die Menschen verbinden Sizilien zwar mit schöner Natur, aber immer auch mit der Mafia“, sagt sie. Diesem Bild setzten die jungen Leute etwas entgegen. Dass die Cosa Nostra noch da ist, immer in neuem Gewand, immer den Zeiten angepasst, ist auch für sie klar. „Es wird Zeit brauchen, um sie endgültig auszulöschen.“

<p>Signora Donatella Pucci hat viele Gäste in ihrer Pension, weil sie auf der Liste schutzgeldfreier Betriebe steht.</p>

Signora Donatella Pucci hat viele Gäste in ihrer Pension, weil sie auf der Liste schutzgeldfreier Betriebe steht.

Unterwegs auf Anti-Mafia-Stadtführung
Die Liste der schutzgeldfreien Betriebe umfasst Pensionen und Hotels ebenso wie Restaurants, Supermärkte, landwirtschaftliche Betriebe, Autowerkstätten, Juweliere, Buchläden und Cafés. Wer also möchte, kann dafür sorgen, dass nichts von seinem Geld bei der Mafia landet.
Am leichtesten ist das in Palermo, aber Addiopizzo Travel bietet auch ein Paket für eine schutzgeldfreie Individual-Rundreise um die Insel an. Außerdem Anti-Mafia-Stadtführungen und Pauschaltrips. Das Reisebüro wächst langsam, aber stetig: Seit 2009 zählte es nach eigenen Angaben rund 20.000 Kunden. „Viele Deutsche“, sagt Francesca lächelnd.

An den Auftakt mit den aufrüttelnden Aufklebern erinnert sich auch Patrizia Di Dio noch gut. Die Präsidentin des Handelsverbandes Confcommercio Palermo sieht darin heute eine Art heilsamen Schock, der geholfen habe, die Kultur zu verändern. Von einer des Wegsehens zu einer, in der das Engagement gegen die Mafia wichtig ist, auch wenn man nicht direkt betroffen ist.

<p>Mit Aufklebern sowie Stadt- und Restaurantführern für schutzgeldfreien Einkauf wirbt Addiopizzo für sich.</p>

Mit Aufklebern sowie Stadt- und Restaurantführern für schutzgeldfreien Einkauf wirbt Addiopizzo für sich.

Eine Sorge hat sie: Man dürfe aber die Geschäfte nicht einfach in „gut“ oder „schlecht“ einteilen, je nachdem, ob sie auf der Liste stehen oder nicht. Es gebe auch Geschäftsleute, die den Begriff des kritischen Konsums über das Schutzgeld hinaus definieren wollen. Mit Kriterien wie denen, dass man reguläre Angestellte hat, seine Lieferanten und die Steuern und Abgaben regelmäßig bezahlt und keine gefälschten Waren verkauft.

Eines aber ist klar: „Addiopizzo hat sich darum ver­dient gemacht, die Aktivitäten aller Verbände und Einrichtungen, die mit dem Schutzgeldphänomen zu tun haben, sichtbarer zu machen“, sagt Di Dio, „heute fühlen sich die Menschen weniger alleine. Sie sind sich bewusst, dass sie Verbände wie Addiopizzo oder auch Confcommercio an ihrer Seite haben, die bereit sind, Opfer von Erpressung zu unterstützen, oder dabei helfen, Nein zu sagen und damit Schutzgelderpressung zu verhindern.“

Bildnachweis: Picture Alliance/Farabola/Leemage/Egidio Scaccio, Anne Diekhoff(7), Bloomberg/Getty Images, David Levene/Intertopics, Robin Hammond/VISUM/Visum

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