Was Ujo Music seit Jahresanfang bietet, könnte die gesamte Musik­industrie umwälzen. Auf dem Musikportal aus London laden die User Musikstücke herunter – und die Musiker verdienen bei den Streamings direkt mit. Bislang sahnten vor allem die großen Musikkonzerne ab, während die Künstler nur einen Bruchteil der Einnahmen erhielten. Möglich machen es sich selbst ausführende Verträge, sogenannte Smart Contracts, die Ujo beim Download zwischenschaltet. Sobald der Song abgespielt wird, lösen Codes eine Zahlung aus. Oder eine Überweisung zu einem anderen höheren Betrag, wenn das Musikstück heruntergeladen wird.

Die Ujo-Technik kommt ohne Zwischenhändler aus. Zugleich unterbindet die digitale Verschlüsselung Raubkopien und ertappt alle Verletzungen von Urheberrechten auf frischer Tat. Damit hat Ujo die Blockchain-Technik in ein massentaugliches Geschäftsmodell umgesetzt. Vereinfacht beschrieben, ist Blockchain eine digitale Datenstruktur, in der sämtliche Dateien über eine Kryptografie-Technik fälschungssicher abgespeichert werden. Abgelegt werden diese Dateien in einer dezentralen Datenbank.

Unter IT-Spezialisten, Firmenstrategen und Akademikern gilt die digitale Datenkette längst als disruptive Technologie mit höchster Sprengkraft. „Im Grunde genommen gleicht die Situation der Einführung des Internets zu Beginn der Neunzigerjahre“, sagt Thomas Zeinzinger, Gründer des BlockchainHub Graz. „Es ist noch eine sehr frühe Phase, und deshalb gibt es zwar viele Ideen, aber noch wenig konkrete Umsetzungen. Aktuell entwickeln sich sowohl private als auch öffentliche Blockchains rasant weiter. Während die privaten eher den Aspekt der Optimierung im B2B-Bereich ansprechen, so werden öffentliche Systeme komplett neue Geschäftsmodelle zulassen.“

Die Sprengkraft der Kette dürfte gewaltig werden: Laut Schätzung des World Economic Forum könnten bereits 2025 rund zehn Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts mithilfe der Blockchain-Technologie entstehen, die die dezentrale Speicherung von Daten ohne Mittelsmänner erlaubt. IBM Österreich schätzt, dass allein durch den Einsatz von Blockchain-Applikationen in globalen Lieferketten über 100 Milliarden US-Dollar eingespart werden können.

Konkret geht es darum, finanzielle Transaktionen zu dezentralisieren und Arbeitsprozesse schneller, effizienter und kostengünstiger zu gestalten. Der breiten Öffentlichkeit erstmals bekannt geworden ist Blockchain über die digitale Währung Bitcoin. Die Vorteile liegen auf der Hand. Wegen ihrer dezentralen Verfügbarkeit können die gespeicherten Daten nicht von einzelnen Teilnehmern manipuliert werden. Alle Informationen sind transparent für jeden in der Kette zugänglich. Daten können nicht geändert werden, ohne dass darüber alle Teilnehmer in Kenntnis gesetzt werden. Die Teilnehmer selbst bleiben dabei anonym.

Für die Blockchain kommt eine Vielzahl von Geschäftsfeldern infrage Digitale Reise in die Blockchain-Geschäftsfelder der Zukunft. Wie und in welchem Umfang die Umwälzung abläuft, lässt sich allerdings für die meisten Branchen noch nicht beziffern. Doch erste Projekte lassen das Ausmaß erahnen. Ein weites Feld an Anwendungsbereichen bietet die Finanzbranche. So schätzt die spanische Bank Santander, bis 2030 mit Blockchain-Techno­logien bis zu 20 Milliarden US-Dollar einsparen zu können.

In der Industrie könnten Werkstücke ihre eigene Bearbeitung durch direkte Kommunikation mit den Maschinen über standardisierte Blockchains im Internet selbst steuern. Bei der Energieversorgung könnte der Datenaustausch per Blockchain Echtzeitmärkte und Preisdifferenzierung verbessern – eine Maßnahme, die den Wettbewerb in den meistens noch streng regulierten Strommärkten forcieren würde und vor allem den genossenschaftlich organisierten Kleinproduzenten zugutekäme. Im Verkehr lässt sich die Automatisierung von Carsharing-Prozessen oder das Leasing von Fahrzeugen gut durch Smart Contracts abbilden.

In der Buchhaltung könnten individuelle Fehler oder die aktive Verschleierung von Verstößen vermieden werden, wenn Zahlungen direkt auf der Block­chain gespeichert werden. Außerdem würden die stichprobenhaften Buchprüfungen durch Innenrevisionen, Finanzämter und zertifizierte Buchprüfer wegfallen. Und dank der Blockchain könnte der Traum von der schlanken Verwaltung Realität werden. Landet alles, was mit Zertifizierung, Registrierung und notariellen Akten zu tun hat, erst einmal auf der Blockchain, ist die digitale Urkunde für immer verschlüsselt verbrieft und kann nur von autorisierten Personen eingesehen werden. Für Baugenehmigungen und Gewerbeanmeldungen könnten Behörden über spezifische Verifizierungscodes die gesetzlich festgelegten Kriterien überprüfen – und bei Erfüllung innerhalb weniger Stunden grünes Licht geben. Bei den Finanzämtern wird Steuerhinterziehung und Korruption ein digitaler Riegel vorgeschoben, zugleich fällt die zeitraubende manuelle Erfassung der Steuerangaben weg.

Und die Blockchain steht vor dem globalen Durchbruch. Singapur etwa will in Zukunft Firmengründungen per Blockchain organisieren. Die Regierung in Dubai stellt große öffentliche Budgets zur Verfügung, um die gesamte öffentliche Verwaltung in wenigen Jahren ganz auf Blockchain umzustellen. Seit 2016 arbeiten die Grundbuchbehörden von Georgien mit dem Blockchain-Start-up Bitfury. Im Februar dieses Jahres wurden Tests für andere Regie­rungsstellen erweitert. Schweden, Island und die Schweiz entwickeln Prototypen für Grundbücher und Personalausweise in der Blockchain – mit geplanten Ersparnissen in Milliardenhöhe. Überhaupt fördern die Eidgenossen den Einsatz von Blockchain auf politischer Seite sehr aktiv. Allein im „Crypto Valley“ im Kanton Zug beschäftigen sich mehr als 20 Start-ups mit Blockchain-Technologien.

In Deutschland sind bereits erste Einzellösungen am Start. So hat die Finanzabteilung von Daimler im Juni ein Schuldscheindarlehen von 100 Millionen Euro per Blockchain abgewickelt. Die Deutsche Bahn überlegt sich, einzelne Waggons und Züge über ein virtuelles Abbild der Blockchain darzustellen, etwa wenn es um das Tracking von verloren gegangenen Frachtgütern geht. RWE ist unter den Energiekonzernen deutschlandweiter Vorreiter, was die Suche nach neuen digitalen Geschäftsfeldern in der Energieversorgung geht. Der 2014 gegründete RWE Innovation Hub arbeitet zusammen mit Start-ups und Hightech-Firmen an digitalen Lösungen – auch auf Basis der Blockchain – für Energieversorgung, Mobilität und Kommunikation in Städten. Dabei sollen auch öffentliche Blockchains eine Rolle spielen.

In Österreich haben die Banken das Thema ebenfalls auf dem Radar. Erste, Raiffeisen Bank International und auch die Europäische Zentralbank sind mit ersten Projekten dran. Im Energiebereich experimentieren etwa die Wien Energie und die Energie Steiermark. Die treibenden Kräfte für massentaugliche Anwendungen, insbesondere im Finanz- und Energiesektor, sind aber flotte Start-ups – und hier vor allem in Graz und Wien, zum Beispiel Cointed, BitPanda, bitTex, Grid Singularity oder Minebox. „Der Zug für Anwendungen rund um die Blockchain hat den Bahnhof bereits verlassen“, sagt Hans Hartmann, Partner und Leiter Capital Markets & Accounting Advisory Services bei PwC Österreich. Als Beispiel aus seinem Bereich verweist er auf die Wirtschaftsprüfung. Finanzinfos werden in einer Blockchain mit den Handelsregistern und anderen staatlichen Institutionen geteilt. Die Ergebnisse werden dann Teile der Blockchain, und die Tätigkeit des Wirtschaftsprüfers beschränke sich auf das Vertrauenssiegel bei den Übergängen zwischen oder beim Ausstieg aus den Blockchains.

Mehr Fahrt bei der neuen Technologie verspricht sich das Wirtschafts­ministerium von der im Juli lancierten Plattform Blockchain Austria. „Diese Technologie hat unglaubliches Potenzial und gehört zu den sichersten und transparentesten Systemen, um Daten zu verwalten und Werte auszutauschen“, sagt Wirtschaftsminister Harald Mahrer, der gemeinsam mit Wissenschaftlern, Start-up-Gründern und Unternehmensvertretern eine erste Version einer Roadmap ausgearbeitet hat. Mahrer sieht Blockchain als zentral für die Innovationsfähigkeit des Landes, Österreich dürfe im Innovationswettbewerb mit anderen Staaten „nicht zurückfallen“.

Bei Blockchain Austria wirkt unter anderem der von Thomas Zeinzinger gegründete BlockchainHub Graz mit. „Global ist ein Wettlauf um die Technologie ausgebrochen. Jetzt können wir noch zu einem relativ frühen Zeitpunkt mitspielen“, sagt Zeinzinger. Aus diesem Hub ist auch die Genossenschaft „lab10“ hervorgegangen, bei der 21 Start-ups in Graz an der Entwicklung von Applikationen rund um das Thema Blockchain arbeiten. „Im Lauf des nächsten Jahres werden wir mit einzelnen Projekten und Anwendungen bereits an die Öffentlichkeit gehen. Als Auftakt werden wir im Herbst im Rahmen einer Kunstaktion ein digitales Go-Spiel auf das Grazer Kunsthaus projizieren, an dem sich Menschen aus aller Welt über eine Blockchain-Applikation beteiligen können“, kündigt Thomas Zeinzinger an.

Doch auch trotz dieser ersten Ansätze droht Österreich nur eine Mitläuferrolle bei der Zukunftstechnologie. „Wirtschaft und Politik müssen jetzt weiter ordentlich Gas geben. Andere Länder sind uns schon um Längen voraus“, attestiert Marius Dreisbach, Senior Manager Capital Markets & Accounting Advisory Services bei PwC Österreich. „Wer sich die kommenden zwei Jahre zurücklehnt, hat den Zug definitiv verpasst, weil die Dynamik in dieser Entwicklung so enorm hoch ist“, sagt auch Erwin Smole, Mitgründer von Grid Singularity, einem international viel beachteten heimischen Start-up, das laut eigenen Angaben die digitale Welt der Blockchain mit der physischen Welt der Energieversorger verknüpfen will.

Was so viel bedeutet wie: Um im internationalen Wettbewerb an Boden zu gewinnen, müssen aus Projektionen, Prototypen und Pilotprojekten zügig wesentlich mehr massentaugliche Anwendungen wie bei Ujo Music entstehen.