Lange Leitung

Unternehmer überall im Land hoffen auf bessere Internet­verbindungen. Die gute Nachricht: Die Regierung macht Nägel mit Köpfen, die lange ver­sprochene „Breitband­milliarde soll kommen“. Und auch wenn sie nicht oder nur sehr spät kommt: Es gibt eine Alternative. Von Lutz Meier

Hermann Spiegl kann sich noch genau an den Tag erinnern, an dem er endgültig verzweifelt ist. Es war im Februar vergangenen Jahres, es gab mal wieder arge Probleme, überhaupt den Betrieb aufrechtzuerhalten, und dann versagte ihm bei einer Bürgerversammlung am Abend auch noch der Bürgermeister die nötige Unterstützung beim Kampf für die schnelle Netzanbindung von Brandenberg. Da beschloss der Unternehmer, dass der einzige Ausweg der Umzug der gesamten Firma ist.

Dabei war das immer Spiegls Traum gewesen: zu zeigen, dass ein erfolgreiches überregional arbeitendes Unternehmen auch aus einem Nebental des Inn heraus agieren kann, aus einer der landschaftlich schönsten Gegenden von Kufstein. Die Spiegltec GmbH war gesund und wuchs, aber das langsame Breitbandnetz drohte den schönen Erfolg zu gefährden. Die Firma plant und entwickelt Industrieanlagen für Chemie- und Pharmaunternehmen. Regelmäßig wandern große Datenpakete verschlüsselt über gesicherte Verbindungen zwischen der Spiegltec-Zentrale und den Auftraggebern hin und her. Doch oft war die Verbindung so langsam, dass die Firewall von Spiegls Kunden an einen Datenangriff glaubte, ganze Dateien wurden zerstört. „Es ist praktisch nicht mehr möglich gewesen zu arbeiten“, erzählt Spiegl. Seit Ende des Jahres arbeitet die Firma nun im Haupttal des Inn, im Örtchen Brixlegg. Zum Glück war es für Spiegltec nur eine Umsiedlung über zehn Kilometer bis zu einem besseren Netz.

Für Vinzenz Harrer kommt ein Umzug nicht infrage. Der Holzbaubetrieb mit 35 Mitarbeitenden ist in Badl nördlich von Graz fest verankert und muss ständig Verbindung zu seinen Außendienstleuten und Kunden halten. Maximal 2 Megabit pro Sekunde gibt die bestehende Internetverbindung her. „Wir kommen hier jeden Tag an unsere Grenze“, klagt Bernd Lederwasch aus der Geschäftsführung. Die Eigentümer mussten schließlich selbst Geld in die Hand nehmen. Rund 20.000 Euro investierte die Firma, ein Fünftel der Gesamtkosten für eine Glasfaseranbindung. Jetzt warten sie in Badl nur noch darauf, dass die Bauarbeiten fertig werden.

Hier in der Steiermark, wo der Holzbaubetrieb Vinzenz Harrer arbeitet, ist die Lage besonders gravierend: Außer im Großraum Graz gibt es praktisch im gesamten Bundesland kaum breitbandige Verbindungen, die diesen Namen verdienen. Doch der österreichische Breitbandatlas zeigt, dass die Region keine Ausnahme ist, ebenso wenig wie die Region am Inn in Tirol, wo Hermann Spiegl verzweifelt ist. In Kärnten, Vorarlberg, Niederösterreich, praktisch überall im Land müssen Firmen und Privatleute mit geringen Bandbreiten auskommen, mit teuren Umweglösungen oder mit einer Hoffnung auf bessere Zeiten, die die Politiker in Bund und Ländern derzeit zu wecken versuchen. „Uns erreichen Klagen von Unternehmen aus allen Ecken der Steiermark“, berichtet Robert Steinegger, Infrastrukturexperte bei der Wirtschaftskammer in Graz. „Und im Rest des Landes sieht es nicht anders aus.“ Das Problem für die Firmen wird noch größer, besonders, wenn die Prognosen Wahrheit werden, nach denen die Industrie der Zukunft von untereinander kommunizierenden Maschinen, Bestellsystemen und datengesteuerter Logistik bestimmt ist. Ein leistungsfähiges und flächendeckendes Netz werde dann zum Rückgrat der Wirtschaft, erläutert Thomas Hillebrand, der sich bei PwC in Wien mit der Finanzierung von Breitbandnetzen befasst. Österreich müsse sich jetzt darum kümmern, nicht zurückzufallen.

Wie abgehängt ist das Land tatsächlich? Wenn man die Statistiken über Durchschnittsgeschwindigkeiten im Netz anschaut, dann rangiert Österreich unter den Industrieländern bestenfalls im Mittelfeld. In der weltweiten Betrachtung des Webdienstleisters Akamai für das erste Quartal dieses Jahres folgen nach dem einsamen Spitzenreiter Südkorea, der eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 23,6 MBit/s bietet, Länder wie Japan (14,6 MBit/s), Hongkong (13,3) sowie Österreichs Nachbar, die Schweiz (12,7). Österreich selbst rangiert mit mageren 9,4 MBit/s erst auf Platz 17, auch europaweit nur ein Mittelplatz, wenn auch deutlich vor dem großen Nachbarn Deutschland, der mit 8,1 Mbit/s erst auf Rang 26 folgt. Dass das Land tatsächlich Boden verliert, belegt der Network Readiness Index (NRI) des World Economic Forum für das laufende Jahr, der über verschiedene Indikatoren untersucht, welche Fortschritte die Netzinfrastruktur eines Landes macht. Unter 30 Ländern landet Österreich hier auf Platz 22 und verliert gegenüber dem Vorjahr drei Ränge – Deutschland hingegen stieg um einen Platz auf Rang 12 auf. „Im internationalen Vergleich sehen Deutschland und Österreich ähnlich schlecht aus“, sagt Robert Kolmhofer, der sich als Professor an der Fachhochschule Hagenberg seit Langem mit der Breitbandmisere in Österreich befasst. Doch es ist nicht nur der mediokre Durchschnittswert, der das Problem im Land verdeutlicht, sondern es sind die weißen Flecken auf der Landkarte. Gegenden wie in den Seitentälern des Inn, wo – fast – gar nichts läuft.

Eigentlich sei es ein Vorteil der österreichischen Wirtschaftsstruktur, dass viele Unternehmen in der Region beheimatet sind, argumentiert Kolmhofer. Doch beim Wettlauf um die Breitbandinfrastruktur drohe dies zum Nachteil zu werden. „Unsere Geografie macht es besonders schwierig“, sagt der Experte. Das liegt nicht nur an den vielen Bergen und Tälern, wo gerade die Tourismusregionen fürchten, ohne vernünftigen Anschluss abgekoppelt zu werden. In flacheren Regionen sieht es oft kaum besser aus, weil österreichische Ortschaften typischerweise eine sehr verstreute Siedlungsstruktur aufweisen. Wenn überallhin Glasfaserkabel verlegt werden sollen, wird besonders die berüchtigte „letzte Meile“ in vielen Gebieten sehr teuer. „Die flächendeckende Versorgung ist da eine Illusion“, sagt Kolmhofer. „Da kann die Anbindung eines einzelnen Standorts 100.000 Euro kosten.“

Glaubt man der Regierung in Wien, dann hat die Führung des Landes das Problem längst erkannt. Seit die derzeitige Große Koalition im Amt ist, verspricht sie eine Initiative in Sachen Breitband: „Die Bundesregierung setzt sich für eine ,digitale Offensive‘, insbesondere die flächendeckende Verfügbarkeit von Hochleistungs-Breitband-Infrastruktur ein“, heißt es trotz aller Zweifel an der „flächendeckenden“ Vision im aktuellen Arbeitsprogramm der Koalition. „Neben dem wettbewerbsorientierten Ausbau technologieneutraler Breitband-Infrastruktur werden Maßnahmen zur Schließung der ,Digitalen Kluft‘ ergriffen.“ Seit Mitte Juli gibt es nun konkrete Zahlen: Die lange versprochene „Breitbandmilliarde“ kommt, die ersten 200 Mio. Euro daraus sollen 2016 fließen.

Vorher gibt es eine Menge offener Fragen zu klären: Ein Verfahren beim Verfassungsgerichtshof ist anhängig und noch ist unklar, ob die EU-Kommission die Förderung notifizieren muss. Und letztendlich muss die Entscheidung, die zwischen Finanzminister und Verkehrsministerin getroffen wurde, den Ministerrat passieren. Frühestens im September könnte feststehen, wie viel Geld tatsächlich fließt – die Milliarde sei derzeit noch ein „fiktiver Betrag“, hieß es. Wahrscheinlich ist auch, dass die Mobilfunker ein Auge auf das Geld geworfen haben. Sie fordern, die Fördermittel an sich selbst auszuschütten, im Gegenzug könnten sie mit LTE auch flächendeckende breitbandige Verbindungen zur Verfügung stellen. Doch das sehen Experten als reines Lobbyargument. „Gerade für Unternehmen kann Funktechnik wegen der schwankenden Netzstabilität niemals eine Alternative zum Glasfasernetz sein“, sagt PwC-Experte Hillebrand. „Mit LTE sind allenfalls kurzfristige Sprünge möglich“, argumentiert er. Ein neu gebautes Glasfasernetz könnte hingegen für Jahrzehnte die technische Grundlage für die Anbindung von Haushalten und Unternehmen sein. „Wichtig ist eine intelligente Verteilung der Mittel, damit der benachteiligte ländliche Raum gefördert wird. Langfristig muss sich der Ausbau in Summe jedoch rechnen, Förderungen sind nicht mehr oder weniger als ein Anreiz“, so Hillebrand weiter.

Hillebrand hat in Modellen errechnet, dass sich das Verlegen der Glasfaserleitungen auch für Investoren am Kapitalmarkt lohnen könnte. Denn diese Leitungen seien der Teil der Infrastruktur, die mindestens 30 Jahre lang die Basis des Netzes darstellen könnte. Somit seien langfristige Rückflüsse möglich und die Investition ins Glasfasernetz gar nicht so unähnlich der Investition in mautpflichtige Straßen, sagt Hillebrand – abgesehen davon, dass das Breitbandnetz kontinuierlich Investitionen erfordere und nicht nur einmal Baukosten wie die Autobahn.

Das Dilemma bei solchen Überlegungen liegt nur darin, dass der Markt auf Nachfrageseite naturgemäß noch nicht entwickelt ist. „Man kann nicht ohne Kunden ausbauen“, gibt Hillebrand zu. Ideal wäre es nach seinen Worten, wenn sich im Vorfeld des Netzausbaus eine ausreichende Zahl potenzieller Netzbezieher zu langfristigen Verträgen verpflichtet. Hillebrand rät dazu, mit Leuchtturmprojekten in den Regionen zu beginnen, um Politik und dem Kapitalmarkt vorzuführen, dass das Modell funktionieren kann.

Denn auf lange Sicht, da sind alle Experten überzeugt, wird kaum jemand im Land noch ohne breitbandiges Netz auskommen können. Das gilt auch für den Almwirt, den Netzexperte Kolmhofer unlängst in Oberösterreich traf. Der Mann tätigt sämtliche Banktransaktionen offline und steigt dann mit seinem Terminal einmal wöchentlich hinunter ins Tal, um sie dort herunterzuladen. Denn bis das Netz auch auf die letzte Alm Österreichs kommt, dürfte es noch eine ganze Weile dauern.