„Verantwortung während des Urlaubs zu delegieren, funktioniert häufig eben nicht so gut.“

Nestlé Deutschland setzt beim Um­gang mit E-Mails und Mobil­telefonen außerhalb der Arbeitszeit auf Eigen­verantwortung statt Verbote. Es gehe darum, die richtige Kultur zu schaffen, sagt Personalvorstand Peter Hadasch.

Herr Hadasch, die mobile Kommunikation macht Arbeitnehmer immer und überall erreichbar. Die Trennung zwischen Büro und zu Hause gibt es nicht mehr. Brauchen wir eine konzertierte Aktion, um den Urlaub zu retten, oder können wir noch entspannen? Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwinden in der Tat. Die Frage ist, wie man damit umgeht. Wenn man sich das Phänomen in der Historie der Arbeitswelt anschaut, ist die Verquickung von Arbeit und Privatleben lange ein bewährtes Modell gewesen. Die Landwirtschaft hat immer so gearbeitet. Aber dieser Umgang war historisch gewachsen, also wussten die Landwirte damit umzugehen. Die Landwirte ernteten am Sonntag, wenn es sein musste. Sie hatten aber auch ihre Freizeit. Es gab Ausgleichsmechanismen, die soziale Umgebung, die für Kompensation sorgte. Heutzutage müssen wir sehen, welche Ausgleichsmechanismen wir haben, um mit neuen – oder eben alten – Arbeitsrhythmen umzugehen. Wir haben über zwei Jahrhunderte die Arbeit und die private Welt getrennt. Jetzt wachsen diese beiden Welten in vielen Arbeitsbereichen wieder zusammen.

Manche Unternehmen untersagen die Handynutzung nach Feierabend, oder stellen im Urlaub den E-Mail-Server eines Mitarbeiters ab. Kann man behutsam verbieten? E-Mail-Verbote werden ja viel diskutiert. Sie erscheinen mir nicht wirklich praktikabel. Die Diskussion fußt auf der Annahme: Bekommst du eine E-Mail, musst du sie beantworten. Aber wir bekommen doch viele Mails, die nicht mit Fragen verbunden sind, sondern mit Informationen zur Kenntnisnahme. Das Beantworten zu verbieten, geht am Problem vorbei. Das eigentliche Problem ist doch, dass wir in der modernen Arbeitswelt uns schwer tun, Stellvertreter-Positionen zu schaffen. Der Einzelne kommt auch im Urlaub nicht mehr aus der Verantwortung heraus, weil sein Job – von allen gewollt – mit der individuellen Verantwortung verbunden ist. Verantwortung während des Urlaubs zu delegieren, funktioniert häufig eben nicht so gut. Daran müssen wir arbeiten. Wir müssen Verantwortung besser verteilen, in kleinen Teams organisieren. Kleine Teams können sich besser organisieren und austauschen: Der Kollege kann dann für mich entscheiden, wenn ich nicht da bin. Die großen Entscheidungen hebt man sich dann für einen späteren Zeitpunkt auf.

Also ist nicht allein die moderne Technologie schuld am „Verschwinden“ des Urlaubs, sondern auch – oder vielleicht: gerade der Glaube an die eigene Unersetzlichkeit? Technologie hat immer Ängste ausgelöst. Das war so mit dem ganz alten Telefon und Faxe waren auch nervtötend. Ich glaube aber, wir haben in den letzten 20 Jahren eine technologische Entwicklung gehabt, die an eine Veränderung der Arbeitswelt – des Arbeitsauftrags – gekoppelt war. Früher war dieser Auftrag vom Dienstherren bestimmt: Man leistete seine Arbeitszeit, arbeitete bestimmte Aufgaben ab, ging nach Hause. Das ist heute nur noch zum Teil so. Die heutige Arbeitswelt hat einen werkvertragsähnlichen Charakter: Ich vereinbare ein Ziel und habe so zu meiner Arbeit auch ein ganz anderes Verhältnis. Dann reicht es eben auch immer öfter nicht aus, nach acht Stunden punktgenau den Stift fallen zu lassen und nach Hause zu gehen. Der Ergebnisdruck hört ja nicht einfach auf, wenn ich zu Hause bin. Das Interessante daran: Diese Zielsetzung wird heute von Mitarbeitern gefordert. Sie wollen ihre Rollen als unverwechselbar, nicht austauschbar verstanden wissen. Unternehmen tun gut daran, sich hierauf einzustellen.

Also haben alle etwas Schuld an der Entwicklung: Die Technologie, die Arbeitnehmer, und die Arbeitgeber. Weil alle Teil vom Problem sind, hat keiner Verantwortung zu tragen? Nein. Es geht erstens um Leadership. Führungskräfte müssen wissen, was sie anrichten, wenn sie handeln. Abends, nachts, sonntags E-Mails verschicken? Sie müssen sich im Klaren sein, welche Auswirkungen das hat. Das muss ein Unternehmen seinen Führungskräften klar machen. Ordentliches Führungsverhalten ist sagen zu können: Ich respektiere die Freizeit. Wir müssen insgesamt dieser Erkenntnis mehr Gewicht geben, als wir es derzeit tun. Es bedarf hierfür einer Kultur, in der ein Mitarbeiter weiß, dass es auch Zeiten gibt, zu denen er keine E-Mails lesen muss. Wer beispielsweise im Führungskreis von Nestlé Deutschland außerhalb der normalen Arbeitszeit wirklich schnell eine Rückmeldung erwartet, schickt eine SMS. Ich bekomme so eine SMS dreimal im Jahr. Manchmal kommt sie mit der Bitte um Rückruf. Kultur geht vom Chef aus. Wenn sich die Spitze auf eine gewisse Weise verhält, schlägt das schnell durch. Man kann jede Menge Trainer anstellen und Papiere schreiben. Aber die beste Methode ist: Die Unternehmensspitze lebt das vor, an was sie glaubt.

Also darf der Chef am Wochenende keine E-Mails mehr schreiben und muss zwei ungestörte Wochen Sommerurlaub vorlegen. Danach wird alles von alleine besser? Natürlich nicht. Ich habe oft das Gefühl, dass Mitarbeiter das Bedürfnis haben, auf E-Mails zu reagieren, um Präsenz zu zeigen. Ich verschicke manchmal an einem Sonntagnachmittag E-Mails ‚zur Kenntnis‘ und bekomme dann ein ‚vielen Dank‘ zurück. Dieser Mitarbeiter hat in der Freizeit die E-Mail gecheckt und glaubt – hat eigentlich den Wunsch –, gleich sagen zu müssen: Ich war einsatzbereit, habe die Mail gelesen. So muss und darf es nicht sein. Ich glaube es gibt so etwas wie einen Gruppenzwang, der ein stärkerer Treiber sein kann, als der Vorgesetzte. Mitarbeiter werden von den Kollegen gepusht oder durch die Medien. Es entstehen Annahmen, die nicht immer realistisch sind. Aber sie sind gleichwohl da. Das muss man ansprechen und das tun wir auch. Das komplett zu unterbinden ist allerdings sehr, sehr schwer. Das ist ein Phänomen, das über die Unternehmenskultur hinaus geht. Es ist so etwas wie Zeitgeist. Und wir maßen uns als Unternehmen nicht an, den Zeitgeist zu gestalten. Aber wir dürfen ihn nicht überborden lassen.

Kulturwandel in der Führungsebene, Kulturwandel in der Belegschaft. Das hört sich nach dicken Brettern an, die da gebohrt werden müssen. Wie würde Erfolg aussehen? Ein Erfolg ist, wenn Mitarbeiter für sich bewerten, welche Wertig- und Wichtigkeit etwas hat. Sie sollten eben nicht andauernd diese Kommunikationsinstrumente checken und das auch nicht von den Kollegen erwarten. Zudem müssen Vorgesetzte klare Signale senden: ‚Jetzt brauchen wir dich wirklich, jetzt must du reagieren.‘ Der Einzelne spielt in der modernen Arbeitswelt heute eine immer größere Rolle . Aber der Notfalleinsatz kommt eben nicht oft vor – vielleicht vier-, fünfmal im Jahr. Aber aus dem Gefühl heraus, es könnte jetzt der Moment sein, verfolgen manche Angestellte 365 Tage im Jahr ihre Mails. Sie wissen, irgendwann werden sie gebraucht. Aber sie sind viel zu lange in Alarmstellung. Die Alarmsignale müssen klarer werden, sodass jeder weiß: „Heute wollen die was von mir.“ E-Mail, Social Networks sind zu stumpfe und unspezifische Instrumente. Wir brauchen eine bessere Markierung der Dringlichkeit. Das schafft Vertrauen: Die E-Mail einfach mal abschalten - wenn etwas Wichtiges ist, erfahre ich das. Wie wäre es mit einem Anruf? Altmodisch, aber wirkungsvoll. Wie dringend kann es sein, wenn mich jemand nur einmal im Jahr nach Dienstschluss anruft? Sehr.

Altmodische Methoden, um ein neuzeitliches Problem zu lösen? Müssen wir lernen, uns von der modernen Technologie zu lösen, um den traditionellen Urlaub zu retten? Es gibt jüngere Mitarbeiter, die mit der modernen Technologie sehr verbunden sind. Aber es kommt bereits eine neue Generation, für die diese Technologie Alltag und kein Statussymbol mehr ist. Das gibt mir Hoffnung, dass die Technologie nicht mehr so faszinierend sein wird. Erfahrene Menschen zwischen 16 und 25 Jahren geben sehr viel mehr Acht, welche Daten sie ins Netz geben. Sie fragen wieder mehr nach den Inhalten. Wer will hier was? Was bringt mir das? Da wächst Vernunft nach. Die lassen eine E-Mail mal unbeantwortet. Zudem hat für die – aber auch für andere – Generationen die Bedeutung von Urlaub zugenommen. Für junge Menschen ist Urlaub ein geplanter Abschnitt im Leben, in dem etwas Besonderes passiert. Das ist sehr bedeutend. Urlaub zu verschieben oder infrage zu stellen, wird immer schwieriger. Urlaub hat eine immer höhere Bedeutung für Mitarbeiter. Wie stark sie für ihr Recht eintreten, hängt allerdings vom Einzelnen ab.

Das Gespräch führte Gerrit Wiesmann