„Leuchtturm-Prinzip als Strategie“

Der Humangenetiker und Wissenschaftsmanager Markus Hengstschläger berät die Österreichische Regierung in Sachen Forschung und Technologieentwicklung. Im Interview erzählt er, was unser Land besser machen muss, um im Kampf um die klügsten Köpfe zu bestehen.

Zurzeit wird viel darüber diskutiert, dass etliche Absolventen von Universitäten und Fachhochschulen, die in Österreich eine hochwertige Ausbildung in Anspruch genommen haben, das Land nach dem Studium wieder verlassen und so Arbeitsmarkt und Fiskus nicht mehr zur Verfügung stehen. Wie könnte man dies ändern? Nehmen Sie zum Beispiel die Medizinabsolventen. Viele von ihnen gehen beispielsweise nach Deutschland, weil sie ihren Facharzt in einem Bereich machen möchten, wo es in Berlin oder in Hamburg die besten Spezialisten gibt. Daran werden wir so schnell nichts ändern. Woran wir aber etwas ändern können, ist das Gesamtpaket aus Gehalt und Arbeitsbedingungen. Gehälter für sich genommen sind in Österreich im Schnitt nicht schlechter als anderswo. Aber es geht auch um Dinge wie Ausstattung, Lebensqualität und Zukunftsperspektiven. Hier gibt es in Österreich sicherlich Nachholbedarf. Das muss man sich im Detail anschauen. Für die Arbeitsbedingungen junger Ärztinnen und Ärzte beispielsweise sind in den vergangenen Jahren bereits vorteilhaftere Nachtdienstregelungen verabschiedet worden. Außerdem muss man Strukturen schaffen, die es jungen Ärzten mit Wunsch nach einer universitären Karriere ermöglichen, neben der Arbeit in der Klinik noch ausreichend Zeit für die Lehre zu finden. Für so etwas sollte es Vorgaben in den Arbeitsverträgen geben. Für andere Fächer und Berufe muss man das ähnlich durchdeklinieren und von Fall zu Fall schauen, wie Österreich als beruflicher Standort an Attraktivität gewinnen kann.

Gibt es auch übergreifende Maßnahmen, die Sie für sinnvoll erachten? Ich bin Mitglied des Rates für Forschung und Technologieentwicklung, der der Bundesregierung Empfehlungen für Investitionen vorlegt. Wir sprechen uns dabei ganz klar für die Bildung von Schwerpunkten aus. Ein solcher Schwerpunkt wurde beispielsweise in Wien in den vergangenen Jahren im Bereich Life Sciences geschaffen, an dem viele universitäre und außeruniversitäre Forschungsinstitute beteiligt sind. Die Hoffnung dabei ist natürlich auch, Pharmaunternehmen und andere Industriezweige für den Standort zu gewinnen. Das wiederum führt dazu, dass wir Studierende im Bereich Life Sciences, also in Fächern wie Medizin, Biochemie, Biologie oder Genetik, auch nach dem Studium am Ort halten können. Ich kann das an meinem eigenen Beispiel veranschaulichen: Ich habe in Wien Genetik studiert. Vor zwanzig Jahren gab es für mich gar keine andere Alternative, als nach der Promotion in die USA zu gehen. Heute ist das hoffentlich anders – sodass sogar Leute aus dem Ausland zu uns kommen.

Einen Braindrain gibt es ja nicht nur zwischen Ländern, sondern auch zwischen Regionen innerhalb des Landes. Wie kann man die Attraktivität einer Region erhöhen? Ich setze hier vor allem auf das Leuchtturmprinzip als strategiepolitische Maßnahme. Wenn es in irgendeinem kleinen Ort einen Top-Orthopäden gibt oder eine Top-Gynäkologin, dann hat das eine so große Wirkung, dass rund um diese Person sich wie von selbst Strukturen bilden. Studierende kommen zur Ausbildung, es siedeln sich Industrien an, die Politik investiert Fördermittel.

Gibt es dafür Beispiele? Eine Region, in der die Etablierung solcher Leuchttürme hervorragend gelungen ist, ist Niederösterreich. Im Bereich Forschung und Innovation gab es dort noch vor zehn Jahren nur sehr wenig Angebote. Heute existieren in der Region eine ganze Reihe berühmter außeruniversitärer Forschungsinstitutionen: darunter das Institute of Science and Technology Austria in Gugging, das MedAustron für die Ionentherapie an Krebspatienten und eine eigene zahnmedizinische Klinik – eine Vielzahl von Leuchttürmen! Quasi automatisch haben sich darum weitere Ausbildungsstätten angesiedelt. Es gibt vier riesige Fachhochschulen! Industrie ist hinzugekommen, bis hin zu Wohnstätten und Gastronomie. Ich empfehle wirklich jeder Region, gezielt auf einzelne, gut ausgewählte Leuchttürme zu setzen.

Gibt es noch weitere Maßnahmen, die Sie vorschlagen? Mobilität ist ein Riesenthema. Es gibt viele Beispiele für Regionen, die wunderschön sind und auch, was den Arbeitsmarkt betrifft, gute Voraussetzungen haben – aber die nur sehr schwer zu erreichen sind. Linz zum Beispiel: eine schöne und auch recht große Stadt. Dennoch haben wir bis vor Kurzem, wenn wir an der Universität Professoren neu berufen haben, immer als Erstes die Frage gestellt bekommen: Wie gelange ich dorthin? Wie kann meine Familie mich besuchen? Seitdem es die neue Westachse bei der Zugverbindung gibt, haben sich die Dinge völlig verändert: In etwas mehr als einer Stunde ist man in Wien. Linz ist damit ungleich attraktiver geworden.

Wie steht es mit dem Thema Lebensqualität – gibt es da Nachholbedarf? Was die etwas ländlicheren Regionen betrifft, glaube ich nicht, dass diese von sich aus im Nachteil sind. Einige Menschen mögen lieber ein städtisches Umfeld, andere eher das Gegenteil. Aber woran es oft fehlt, sind Infrastrukturen. Für die Mitarbeiter von Infineon in Kärnten gab es zum Beispiel anfangs keine internationale Schule und keinen internationalen Kindergarten. Das hat es schwer gemacht, Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen, zumal wenn diese lediglich für wenige Jahre zu bleiben beabsichtigten. Übergreifend geht es dabei um so etwas wie Flexicurity. Wenn ich räumliche Flexibilität haben will, muss ich gewisse Sicherheiten für die Lebensplanung bieten. Neben der entsprechenden Versorgung mit Schule und Kinderbetreuung gehört dazu, dass ich als Arbeitgeber daran denken muss, auch dem Partner beispielsweise einer Gynäkologin, die ich als Professorin gewinnen will, ein entsprechendes Angebot zu machen.

Wie kann das Potenzial an jungen Menschen, die heute in Bereiche wie Medien, Design oder Grafik gehen, stärker für Technik und Industrie gewonnen werden – also dort, wo es tendenziell an Arbeitskräften und Bewerbern mangelt? Zunächst muss man sagen: Einen echten Mangel haben wir nur in einigen der technischen-naturwissenschaftlichen Fächer, wie etwa der Informatik. Und wir haben hier nur ein einziges Instrument, auf das wir zurückgreifen können: die Schulbildung. Wir in Österreich haben sicherlich von unserer Tradition her einen Schwerpunkt auf den Geisteswissenschaften. Hier müsste sich etwas ändern. Wichtiger als die Anzahl der Unterrichtsstunden in einem Fach aber erscheint mir die Art und Weise, wie Themen präsentiert werden, und welchen gesellschaftlichen Stellenwert ein Fach hat. Das alles sind kulturelle Fragen. Dass wir rein über das Setzen von expliziten Belohnungs-Anreizen mehr Studierende in die technisch-naturwissenschaftlichen Fächer locken können, glaube ich nicht.

In der Debatte über den Braindrain taucht immer wieder das Stichwort Exzellenz auf. Wie kann Österreich Exzellenz besser fördern und halten? Ich habe hier sicherlich einen anderen Begriff von dem, was oft „Exzellenz“ oder „Elite“ genannt wird. Ich glaube, dass es so etwas wie die Elite gar nicht gibt. Jeder Mensch kann irgendetwas besonders gut. Jeder Mensch hat Talent. Aber nur das Licht der Bildung und der harten Arbeit bringt dieses Talent zum Vorschein. Wie fördern wir das? Ein einfaches Beispiel: Ein Schüler, der in vier Fächern schlechte Noten auf dem Zeugnis nach Hause bringt und in einem Fach eine sehr gute Note, der wird gezwungen, in diesen vier schlechten Fächern zu büffeln. In dem Fach, wo er gut ist, passiert nichts. So bilden wir gelernte Loser aus: Menschen, die auf das dressiert werden, was sie nicht können.

Was schlagen Sie stattdessen vor? Aktiver Verzicht auf alles, was nicht unbedingt notwendig ist, in jenen Bereichen, wo man nicht talentiert ist. Das heißt: Natürlich muss man in den vier Fächern, wo man schlecht ist, etwas tun. Ich bin ein glühender Verfechter einer hohen Allgemeinbildung. Aber wir können in Europa, wo wir weder auf nennenswerte Rohstoffvorkommen noch auf eine Billiglohnstruktur zurückgreifen können, die kommenden Jahrzehnte nicht weiter die junge Generation mit der Ausmerzung ihrer Schwächen beschäftigen. Sonst dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir am Ende keine Spitzenleistungen mehr haben. Und Spitzenleistungen kann es überall geben: im Handwerk, im Sport, in der Musik, in der Wissenschaft, in der Pflege – wirklich überall. Das wäre mein Bildungskonzept, für die Schule ebenso wie für das Unternehmen. Diese Art von Individualität funktioniert aber nur zusammen mit sozialer Kompetenz. Ich muss mir im Klaren darüber sein, was ich nicht kann, und muss fähig sein, durch entsprechende Kooperation im Team die fehlende Leistung zu ergänzen. Das ist mein Konzept. Wir brauchen Peaks und Freaks.

Das Gespräch führte Ralf Grötker.