Glänzende Aussichten

Londons neue Hochhäuser funkeln, Luxuskarossen verkaufen sich gut: Nach Jahren der Krise hat sich die britische Wirtschaft erholt. Doch zwei Referenda könnten vieles auf der Insel verändern, sagt Ian Murdoch, Großbritannien-Experte bei PwC Österreich. Vier Fragen an den gebürtigen Briten über die Zukunft seiner Heimat.

Großbritannien erholt sich von der Krise, die Unternehmen sind – trotz einiger Risiken – zuversichtlich. Wie schätzen Sie die Lage ein? Die Regierung unternimmt sehr viel, um Industrie in Großbritannien anzusiedeln, und diese Maßnahmen greifen gut. Das bietet viele Chancen für Unternehmen, die hier Fuß fassen wollen. Aber: Großbritannien ist nicht immer ein guter Produktionsstandort. Die Lohnstückkosten sind sehr hoch, die Produktivität ist niedrig. Einige Branchen erholen sich aber sehr gut, etwa die Autoindustrie. Hier steigen die Verkäufe kontinuierlich. Trotzdem gibt es Unsicherheitsfaktoren, die man trotz der positiven Signale nicht aus den Augen verlieren darf.

Welche Risiken sehen Sie konkret?

Trotz der Bemühungen der britischen Regierung darf man nicht vergessen, dass die Wirtschaft sehr von der Finanzindustrie, insbesondere von der City of London, abhängig ist. Dazu kommen zwei Referenda: jenes über die Unabhängigkeit Schottlands im September und ein mögliches über den Austritt Großbritanniens aus der EU, das Premier David Cameron im Falle seiner Wiederwahl 2015 angekündigt hat. Dieses zweite Referendum über die EU-Mitgliedschaft soll es dann bis spätestens Ende 2017 geben.

Wie schätzen Sie die Konsequenzen beider Referenda ein? Sollte sich die schottische Bevölkerung tatsächlich für die Unabhängigkeit entscheiden, würde man hier durchaus einen „Divorce-Effekt“ spüren – auch wenn „Rest-Großbritannien“ weiter hinter Schottland stünde. Fragen in diesem Zusammenhang wären etwa jene nach der zukünftigen Währung Schottlands und ob es hier eine Annäherung in Richtung Euro gäbe sowie nach der Bestrebung Schottlands, EU-Mitglied zu werden. Das UK könnte durch die Unabhängigkeit Schottlands als Handelspartner an Attraktivität und Einfluss verlieren. Im schlimmsten Fall könnte die Wirtschaft stagnieren. Ich persönlich glaube aber, dass sich „Rest-Großbritannien“ schnell erholen würde.

Und sollte es tatsächlich auch zu einem Referendum über die EU-Mitgliedschaft kommen … … dann bleibt kein Stein auf dem anderen. Die EU und Großbritannien sind stark miteinander verflochten. Zum jetzigen Zeitpunkt kann niemand sagen, welche Auswirkungen ein Austritt hätte. Die Ökonomen sind darüber geteilter Meinung und auch ich persönlich glaube, dass die Risiken jetzt noch nicht absehbar sind. Was geschieht dann mit der City of London? Avanciert der Sterling zur Flucht-Währung? Was wären die Auswirkungen eines EU-Austritts auf Importkosten aus der EU sowie Exporte in die EU? Beide Referenda bergen jedenfalls größere und kleinere Unsicherheiten – und das ist mit Sicherheit ein Hemmschuh für Unternehmen, größere Investitionen in Großbritannien zu tätigen.