Beratungsresistent

Christine
Hohmann-Dennhardt

Ministerin, Richterin – und heute eine der mächtigsten Vorstandsfrauen der Republik: Christine Hohmann-Dennhardt hat einen be­eindruck­enden Aufstieg hingelegt. Weil sie konsequent ihren eigenen Weg gegangen ist.
Von Meike Schreiber

Das alles hatte sich der Vater so schön ausgemalt: Volksschullehrerin sollte seine Tochter Christine werden, Kinder haben und trotzdem berufstätig sein. Studieren sollte sie, am besten an der Pädagogischen Hoch­schule in Ludwigsburg, die hatte der Vater, ein Maurer­meister, sogar mit aufgebaut. Ende der 60er-Jahre war das, im beschau­lichen Marbach am Neckar, mehr als 15 Jahre nachdem die Familie die DDR verlassen hatte, von wo der Vater, ein aktiver Gewerkschaftler, aus politischen Gründen geflohen war.

Doch die Tochter widersetzte sich dem Vater, dessen Wider­spenstigkeit sie wohl geerbt hat. „Ich hatte keinen Drang nach dem Lehrerberuf. Ich wollte Jura studieren, das fand ich spannend, das versprach eine breite Vielfalt und hat mit Menschen zu tun“, sagt Christine Hohmann-Dennhardt heute. Dass die Verwandtschaft stöhnte („Du und Jura? Als Mädchen?“), spornte sie nur noch an. Sie blieb beratungs­resistent und sagte sich: „Jetzt erst recht, warum soll ich das nicht können?“

Sie konnte. Und hingelegt hat sie keine normale Juristen­karriere, sondern einen beeindruckenden Aufstieg: Nach Zwischenstationen in der Politik wurde sie 1999 Richterin des Bundesverfassungsgerichts – mehr geht nicht in Deutschland als Jurist. Und heute ist sie eine, wenn nicht sogar die mächtigste Vorstandsfrau der Republik.

Seit drei Jahren führt Hohmann-Dennhardt beim Daimler-Konzern das neu geschaffene Vorstandsressort für Recht und Integrität. Und das, obwohl die 64-Jährige nie zuvor in der Privatwirtschaft tätig war und der Job beileibe kein schmückendes Beiwerk ist: Nach einem Korruptionsskandal musste der Autobauer auf Geheiß der US-Börsenaufsicht SEC rund 185 Millionen Dollar Strafe zahlen und Vorkehrungen treffen, dass so etwas nicht wieder vorkommt. Seit April 2013 ist das Verfahren abgeschlossen. Aber ausruhen kommt nicht infrage: Korruption ist schließlich immer möglich.

Stur war Hohmann-Dennhardt in ihrer Karriere häufig. Oft ist sie ihrer Intuition gefolgt. Jura zu studieren „war im Nachhinein die wichtigste Entscheidung“, sagt sie heute. Ihr Vater, auch wenn er es nicht wirklich zeigte, sei letztlich stolz auf die Tochter gewesen. „Sich zu engagieren und sich selbst etwas zu beweisen, ist manchmal anstrengend, aber auch etwas sehr Schönes.“

„Sich engagieren“, das ist keine Worthülse, sondern Teil der politischen Grundeinstellung von Hohmann-Dennhardt. Politisch klar links verortet, tritt sie wegen Willy Brandt früh in die SPD ein, als Lebensmotiv nennt sie unter anderem den Wunsch, „Ungerechtigkeit auszugleichen“. Rein äußerlich indes erfüllt sie keines der Stereotype, die man gemeinhin mit einer linken Politikerin verbindet. Hohmann-Dennhardt ist mehr der Typ strenge Ballett-Lehrerin, ihr perfektes Vorstands-Outfit unterstreicht ihren leicht unterkühlten, in jedem Fall kontrollierten Charakter.

Heute ist kaum vorstellbar, dass sie zum Studienbeginn im Wintersemester 1968/69 in Tübingen aktiv dabei ist bei den Studentenprotesten gegen die restaurative, von Altnazis geprägte Atmosphäre in der Republik. Mit Kommilitonen gründet sie die „Basisgruppe Jura“, es geht um die Reform der Lehre, aber auch die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und die damalige Haltung der Lehrenden. Ihre Gruppe, so sagt sie heute und klingt dabei noch immer ein wenig stolz, versetzte die Professoren in Angst und Schrecken. Als Studienbe­auftragte vertritt sie die Interessen ihrer Kommilitonen. „Bestimmte Bände der Neuen Juristischen Wochenzeitschrift aus der Nazi-Zeit waren aus dem Seminar verschwunden. Wir wollten, dass diese aus ihrem Verschluss herauskommen. Wir wollten sehen, was die Autoren in dieser Zeit geschrieben haben“, sagt sie.

Ihr Studium schließt sie – den Vater im Nacken und auch das Budget – trotzdem nach nur sieben Semestern ab, vier weitere Jahre später beendet sie ihre Doktorarbeit über Mit­bestimmung bei Betriebsänderungen. Da ist sie schon verheiratet mit Eckart Hohmann, dem späteren Präsidenten des Hessischen Statistischen Landesamtes. Mutter einer Tochter und eines Sohnes ist sie auch.

Promoviert hat sie ausgerechnet im Arbeitsrecht, dem Terrain des Gewerkschafter-Vaters, der mehrfach Betriebs­rats­vorsitzender war. „Er war sehr belesen, aber nicht in jeder juristischen Detailfrage im Bilde. Sich zuzugestehen, dass seine Tochter ein bisschen mehr davon weiß, das war schon schwer“, sagt sie heute schmunzelnd.

Nach der Promotion entscheidet sie sich – eigenwillig, wie sie nun einmal ist – gegen die ihr angetragene Habilitation am Frankfurter Institut für Arbeitsrecht. Weil sie bereits fünf Jahre am Lehrstuhl tätig war, hätte sie die Arbeit binnen zwei Jahren abschließen müssen. Anschließend wäre ihr Vertrag aus­gelaufen. Eine utopische Aufgabe für die inzwischen zweifache Mutter. Ihr Doktorvater rät, doch einfach einmal anzufangen, trotz der ungewissen Aussichten.

„Die wenigen Stellen an der Uni wurden damals, Anfang der 80er-Jahre, nach sozialen Gründen vergeben. Männer wurden also bevorzugt, weil Frauen ja durch ihren Mann versorgt waren. Das war ich streng genommen auch, weil mein Mann berufstätig war.“ Stattdessen geht sie ans Gericht, bis 1984 als Richterin an den Sozialgerichten Frankfurt und Wiesbaden, anschließend wird sie Direktorin des Sozialgerichts Wiesbadens.

Dann nimmt ihre Karriere abermals eine Wendung: Hohmann-Dennhardt geht in die Politik. Frankfurts Bürgermeister Volker Hauff (SPD) holt sie als Sozialdezernentin. Ihr „Richteramt auf Lebenszeit“ gibt sie auf, die Neugier „auf das wirkliche Leben“ überwiegt. „Wenn ich scheitern sollte, wird sich schon wieder etwas Neues finden“, sagt sie sich. Gescheitert ist sie natürlich nicht: 1991 wird sie hessische Justizministerin im Kabinett von Hans Eichel, später leitet sie das Wissenschaftsressort.

1999 schließlich wird sie ans Bundesverfassungsgericht berufen. Bis 2011 richtet sie über Dinge, die das Land be­wegen: Lauschangriff, Vaterschaftstests, die Höhe der Hartz-IV-Bezüge. Das Bild der streng blickenden Frau in roter Robe und mit pechschwarzen Haaren prägt sich vielen ein. Ver­mutlich auch Daimler-Chef Dieter Zetsche, den sie seit ihrer Arbeit im Universitätsrat Karlsruhe in diesen Jahren kennt. Als 2011 ihre Amtszeit endet, will sie sich engagieren, in einem sozialen Verein vielleicht. Aber für einen Autokonzern? Als Zetsche sie fragt, ob sie das Vorstandsamt annehmen will, berät sie sich im Familienkreis. Das Ergebnis: Alle sind dafür.

„Wenn Daimler anklopft und sagt, wir haben unsere bitteren Erfahrungen gemacht, und wir wollen uns im Bereich Integrität und Compliance verbessern, dann ist das sehr reizvoll und spannend“, sagt sie. Natürlich gab es Bedenken­träger. „Manche sagen, ich hätte mich verkauft und würde als Externe dort mein blaues Wunder erleben.“

So schlimm kann es nicht sein, schließlich wurde ihr Vertrag gerade um drei Jahre verlängert. Hinter ihr liegen das SEC-Verfahren und die Verankerung neuer Werte im Konzern, vor ihr viele administrative Aufgaben wie die bessere Verzahnung der Bereiche, für die sie verantwortlich ist.

Dabei hört sie auch auf andere, denn Eigensinnigkeit ist nicht gleich Beratungsresistenz. „Wenn ich Rat einhole, dann hake ich nach, wenn ich keine überzeugenden Antworten bekomme, suche ich weiter. Man muss ja immer dazulernen.“ Ihr Vater wäre heute, mehr denn je, wohl mächtig stolz.