Interview

„Das Hauptproblem ist Talent“

Was ist künstliche Intelligenz (KI)?
Es ist ein Begriff, der schon in den 1950er-Jahren geprägt und eigentlich sehr unglücklich gewählt wurde. Wenn man gemeinhin von KI spricht, assoziiert man damit automatisch menschliche Intelligenz. Aber künstliche Intelligenz ist letztendlich nur der Versuch, Leistungen des menschlichen Gehirns – also Sehen, Hören, Planen, Entscheiden – auf Computern nachzubauen.

Wo steht der Mensch im Vergleich dazu?
Künstliche Intelligenz verhält sich zu menschlicher Intelligenz wie Vögel zu Flugzeugen. Beide können fliegen, machen das aber auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Kein Vogel fliegt so schnell wie ein Flugzeug, aber kein Flugzeug ist so wendig wie ein Vogel.

Was wird heutzutage schon alles mit KI gemacht?
In jedem Routenplaner kommt KI zum Einsatz. Immer mehr Menschen benutzen Alexa, Siri oder Cortana – all das sind KI-Systeme. Auch die Qualitätskontrolle in der Industrie oder der medizinischen Diagnostik von Tomografiebildern wird inzwischen mithilfe von KI durchgeführt.

Christian Bauckhage ist Professor für Informatik (Mustererkennung) an der Universität Bonn und Lead Scientist für maschinelles Lernen am Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS. Mehr lesen »

Christian Bauckhage ist Professor für Informatik (Mustererkennung) an der Universität Bonn und Lead Scientist für maschinelles Lernen am Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS. In seiner Forschung widmet er sich Theorie und Praxis der künstlichen Intelligenz und des maschinellen Lernens und hat hierzu mehrere wissenschaftliche Beiträge veröffentlicht. Schon seit Jahren berät er Politik, Industrie und Wirtschaft zu diesen Themen und hält zahlreiche Vorträge. Weniger lesen »

Wie ist Ihr Heimatland Deutschland für den weltweiten KI-Wettbewerb aufgestellt?
Ganz gut. In Deutschland wird KI seit 50 Jahren intensiv erforscht. Deutschland war immer vorn mit dabei. Was in Deutschland allerdings nicht so gut gelingt wie beispielsweise im Silicon Valley: Das akademische Know-how in die Praxis zu transferieren. Wir wissen in Deutschland sehr viel über künstliche Intelligenz, aber keiner macht daraus ein Geschäftsmodell wie Google oder Amazon.

Welches sind die Probleme in Deutschland?
Das Hauptproblem ist Talent. KI können nur sehr wenige. Weltweit, ohne China, gibt es lediglich 25.000 Experten. Die Amerikaner zahlen deshalb exorbitante Gehälter an Leute, die KI gut können. Die zweite Schwierigkeit liegt im Bereich maschinelles Lernen, dem Grund für die riesigen Fortschritte bei KI in den vergangenen zehn Jahren. Für das maschinelle Lernen braucht es allerdings wahnsinnig viele Trainingsdaten. Die gibt es im Silicon Valley oder in China, in Deutschland jedoch nicht. In Europa muss man das immer wieder mit dem geltenden Datenschutz abgleichen. Und drittens: In Deutschland werden wir kein zweites Google hinbekommen. Das würde nicht klappen, dafür ist es viel zu spät.

„17 der vergangenen 20 Jahre hat KI die Politik nicht interessiert.“

Christian Bauckhage, Professor für Informatik und Lead Scientist für maschinelles Lernen, Fraunhofer IAIS

Wie ist die Einstellung der Politik?
Tja, was soll ich sagen. Ich mache KI seit 20 Jahren hauptberuflich, und 17 Jahre lang hat es keinen interessiert. Aber ich will nicht ungerecht sein. Seit zwei, drei Jahren hat auch die deutsche Politik die Bedeutung des Themas erkannt und zeigt den Willen, das Thema nicht völlig zu verschlafen.

Und in der Wirtschaft?
Die Wirtschaft ist vielleicht zwei Jahre vor der Politik aufgewacht, wobei es von Branche zu Branche sehr unterschiedlich ist. Die Finanzbranche ist führend, auch die Automobilbranche versucht, das Potenzial von KI zu heben. Die ersten selbstfahrenden Autos weltweit fuhren 1996/97 auf der Autobahn zwischen München und Nürnberg. Das weiß kaum jemand. Nur wurde das damalige Know-how nicht auf die Straße gebracht, im wahrsten Sinne des Wortes. In anderen Bereichen hingegen ist KI noch nicht so richtig angekommen.

Wie steht die Gesellschaft KI gegenüber?
Es gibt eine riesige Skepsis und ein Unwohlsein, was zu einem Großteil an dem unglücklich gewählten Begriff „künstliche Intelligenz“ liegt. Ich würde es eher künstliche Wahrnehmung nennen, denn es handelt sich um eine Form von intelligenter Signalverarbeitung. Dann würde den Menschen klar, dass es sich überwiegend auf Erkennungsleistungen bezieht und nicht auf Kreativität und Bauchgefühl. Das können Maschinen eben nicht. Hinzu kommt die Demografie in Deutschland. Wir sind einfach etwas älter und skeptischer als andere Länder. Auch die Medien tragen zu dieser Skepsis bei. In Deutschland herrscht in Bezug auf KI häufig eine Art Alarmismus und Sensationsversessenheit, was meist nicht gerechtfertigt ist. Aber genau das führt dann wieder zu Ängsten innerhalb der Bevölkerung.

Was muss in Deutschland getan werden, um im Bereich KI mithalten zu können?
Wir sollten uns auf unsere Stärken konzentrieren. Das ist Industrie 4.0. Das bedeutet, KI und Digitalisierung mit der deutschen Industrie und dem Maschinenbau zusammenzubringen. Die Amerikaner können das nicht mehr, und die Chinesen können es noch nicht. Hier liegt unsere Chance. Wenn das gelingt, ist Deutschland fit für das 21. Jahrhundert.

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