Im Zaubergarten der Geldvermehrung

Seit Jahrzehnten wässert Amerikas Wirtschaft seinen Zaubergarten im Norden Kaliforniens. Kein Wunder, gedeiht doch fast alles, was hier angepflanzt wird. Der Garten heißt „Silicon Valley“, seine dicksten Früchte sind: Google, Facebook, Intel, Tesla, Uber, Airbnb. Milliardenunternehmen, die dank legendärer nächtlicher Garageneinsätze und einem Arbeitseifer, der schier unerschöpflich scheint, Geschichte geschrieben haben.

Doch „Silicon Valley“ ist heute mehr als nur ein Ort, an dem Träume wahr werden können. Längst ist es auch eine Pilgerstätte, eine Art Mekka des Technologiefortschritts, in das jede Woche Gründer aus der ganzen Welt reisen, um herauszufinden, ob sie ein paar Zaubersetzlinge mit nach Hause nehmen können.

Das Ökosystem Silicon Valley – warum funktioniert es eigentlich wirklich so gut? Wieso nur scheinen Innovation und Fortschritt hier so normal zu sein wie in Österreich das schlechte Wetter im November? Welche Voraussetzungen sind im „Valley“ gegeben, die woanders fehlen?

Geld, Geld, Geld. Hier ist es Dünger wie Ernteertrag gleichermaßen: Nirgendwo sonst auf der Welt fließt das Wagniskapital so freizügig wie im Silicon Valley. Inkubatoren, Acceleratoren, also auf die Förderung von Start-ups spezialisierte Unternehmen, sind die Gewächshäuser. Die Analyse „Rise of the Global Start-up-City“ von 100.000 Venture Deals zwischen 2005 und 2017 zeigt, dass sich die Zahl von Wagniskapital-Investitionen in den vergangenen zwölf Jahren um 73 Prozent erhöhte. Die Summe der Kapitaleinlagen wuchs gleichzeitig um 231 Prozent.

KI-Firmen schießen wie Pilze aus dem Boden

„Hypergrowth“ ist ein Trendwort im „Valley“. Wie schnell kann das Produkt an den Markt gebracht werden, wie schnell kann das Unternehmen wachsen? Nur das zählt. Verbrannte Millionen als Investition? Gehören einfach dazu. Kein Mensch spricht davon, dass es neun von zehn Start-ups im Silicon Valley nicht schaffen. Niederlagen sind kein Hindernis, es erneut zu versuchen. Und offenbar war der VC-Markt für Anleger noch nie so attraktiv wie heute: Weltweit wurden demnach allein im ersten Quartal 2018 mehr als 49 Milliarden Dollar investiert, fast doppelt so viel wie im gleichen Quartal des Vorjahres. Mehr als 60 Prozent dieser Gelder flossen ins Silicon Valley.

<p>Jensen Huang, CEO und Mitgründer von Nvidia, bei der Consumer-Tech-Messe CES in Las Vegas. (© Getty Images)</p>

Jensen Huang, CEO und Mitgründer von Nvidia, bei der Consumer-Tech-Messe CES in Las Vegas. (© Getty Images)

Vor allem Firmen, die ihre Ideen in künstliche Intelligenz gesteckt haben, schießen wie Pilze aus dem Boden, sie heißen DeepScale, Nauto, Nvidia, SenseTime und Waymo. Wie schnell diese Firmen Gelder einsammeln, zeigt das Beispiel DeepScale aus Mountain View. 2015 von Forrest Iandola und Kurt Keutzer mit weniger als einer Million Dollar ins Leben gerufen, sammelte die KI-Firma in drei Investmentrunden mehr als 20 Millionen Dollar an Wagniskapital ein. Geschäftsmodell ist eine Erkennungssoftware, die sich das Ziel gesteckt hat, eine Million tödliche Verkehrsunfälle auf null zu reduzieren. Inzwischen wird der Wert der noch privat gehaltenen Company auf rund 30 Milliarden Dollar geschätzt.

<p>Auf dem Weg zur Selbstständigkeit: Die Google-Tochter Waymo erprobt das autonome Fahren im kalifornischen Mountain View. (© Getty Images)</p>

Auf dem Weg zur Selbstständigkeit: Die Google-Tochter Waymo erprobt das autonome Fahren im kalifornischen Mountain View. (© Getty Images)

Doch warum ausgerechnet Silicon Valley? Wie – und vor allem: Warum flutscht es mit der schnellen Geldvermehrung ausgerechnet im „Valley“ wie nirgendwo sonst auf der Welt? Die Antwort ist simpel und erinnert an das amerikanische Fast-Food-Prinzip. „Wir haben die Massenproduktionsmethoden für die Wagnisgeldbranche erfunden“, behauptet etwa Paul Graham, der Erfinder von „Y Combinator“. Das Unternehmen hat seit 2005 in 1.900 Start-ups investiert, zusammen sind sie heute mehr als 100 Milliarden Euro wert. Die Investorengruppe finanziert zweimal jährlich eine zweistellige Zahl von Start-ups mit 150.000 Dollar. Anschließend trainiert sie deren Management drei Monate lang dabei, „so gut in Form zu kommen, dass weitere Millionen an Investitionen folgen können“, so Graham.

<p>Held&nbsp;der Start-up-Szene: Gründer und Investor&nbsp;Ben Horowitz. (© Getty Images)</p>

Held der Start-up-Szene: Gründer und Investor Ben Horowitz. (© Getty Images)

Der Geldvermehrungsprozess ist damit praktisch automatisiert: Am Ende der dreimonatigen Trainingszeit steht ein sogenannter „Demo Day“. Hier gehen die ausgewählten Start-ups vor einem hochkarätigen Publikum in das Geldrennen. Dann geht es bereits um Millionen von Dollars an Firmeninvestitionen. Im Publikum sitzen oft ausgebuffte „Super Angels“ wie Ben Horowitz, der mit seiner 2009 gegründeten Firma Andreessen Horowitz einer der Obergärtner im Geldvermehrungsbiotop Silicon Valley ist. Mit seinem Partner Marc Andreessen, dem Co-Founder des wichtigsten Webbrowsers der 90er-Jahre, Netscape, investierte er bereits in Facebook, Airbnb, Twitter, Coinbase, Buzzfeed und Groupon. 2009 hatten die beiden von ebay für rund 2 Milliarden Dollar die Mehrheit an Skype erworben. 18 Monate später kaufte Microsoft das gesamte Unternehmen für 8,5 Milliarden Dollar. Solche Deals sind es, die den Valley-Mythos fördern.

Von Straßwalchen ins Silicon Valley

Ein Österreicher, der bereits vom legendären Y-Combinator profitiert hat, ist Christian Kletzl. Nach dem MBA-Studium in Chicago und einem Job bei Google gründete er zusammen mit seinem Zwillingsbruder Stephan 2014 das Unternehmen UserGerms, das auch zu Beginn von dem Start-up-Accelerator gefördert wurde. „Wir können unseren Kunden sagen, wenn ihre eigenen Kunden den Job wechseln. Dadurch können die Verkaufsmitarbeiter diese früheren Kunden gezielt ansprechen und eventuell erneut zu Kunden machen. Durch die Analyse von Social-Media-Portalen wie LinkedIn finden wir mit Hilfe unserer KI heraus, was die maßgeblichen Patterns sind“, umschreibt er das Geschäftsmodell seines Start-ups. „Auf ähnliche Weise werden Influencer unter den Kunden der Unternehmen identifiziert, mit denen diese dann gezielt zusammenarbeiten können.“

UserGerms hat mittlerweile zwei Standorte: San Francisco und Salzburg. Stephan Kletzl, der nach seinem Studium an der FH Salzburg zunächst bei PwC arbeitete, leitet den Standort in Salzburg, Christian den Unternehmenssitz in San Francisco. Weil ein Großteil der Kunden in den USA sitzt, hat das Start-up die Bereiche Verkauf und Marketing dorthin verlegt. Die Entwickler hingegen sitzen weiterhin in Salzburg. „Übrigens hat jedes ausländische Unternehmen, mit dem ich spreche, seine Entwickler in der Heimat. Die sind hier in Kalifornien viel zu teuer“, sagt Christian Kletzl.

Er selbst besucht viele Konferenzen, um interessante Leute zu treffen und sein Netzwerk zu erweitern. „Alle wichtigen Leute sind quasi bei mir um die Ecke“, sagt er. Der Standort in unmittelbarer Nähe zum Silicon Valley hat aber auch weitere Vorteile: „Es ist hier einfacher, mehr Wachstumskapital zu finden. Die Unternehmensbewertungen, die wir in San Francisco bekommen, sind besser als in Österreich. Die Chance, überhaupt etwas zu bekommen, ist zwar in etwa gleich, weil hier auch mehr Gründer um Kapital buhlen. Aber die Summe ist dann höher, man bekommt 30 bis 50 Prozent mehr Risikokapital für die gleichen Anteile. Das Gute ist, dass wir dafür mehr Mitarbeiter in Österreich einstellen können. Das ist eine gelungene Kombination.“

Den Start von UserGerms haben auch die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) und der Austria Wirtschaftsservice (AWS) ermöglicht, ebenso wie zwei österreichische Business Angels, die mit an Bord sind. „Aber hier in Kalifornien profitieren wir auch von dem Spirit, wie schnell die anderen Start-ups wachsen“, sagt der UserGerms-CEO. „Die USA sind Weltmeister darin, sich selbst und auch ihre Produkte sehr gut zu verkaufen. Das motiviert ungemein.“

Durchstarten mit „Go Silicon Valley“

Damit auch andere vielversprechende Gründer ähnlich erfolgreich in den USA durchstarten können, haben das Außenministerium und die Wirtschaftskammer Österreich 2016 gemeinsam ein eigenes Büro in San Francisco errichtet, das als österreichische Landezone für Start-ups, Unternehmen oder Wissenschaftler im Silicon Valley dient. Das Team von Open Austria etwa veranstaltet vor Ort Events und unterstützt bei der Vernetzung heimischer Unternehmer mit potenziellen Geschäftspartnern in der Hightechhochburg.

„Österreich setzt mit dieser Initiative ein starkes Signal an die innovativste und zukunftsorientierteste Region der Welt. Unsere Mission ist es, österreichische Unternehmer, Innovatoren, Wissenschaftler und kreative Köpfe mit dem Tal zu verbinden und denjenigen, die bereits hier sind, eine Heimat zu bieten“, sagt Earl Schaffer, Projektleiter bei Open Austria. „Es ist auch unser Ziel, das große kreative und innovative Potenzial Österreichs darzustellen. Österreich ist eine Hightechnation der ‚Hidden Champions’ und verdient es, weit über seine weltberühmten künstlerischen und kulturellen Traditionen hinaus anerkannt zu werden.“

Earl Schaffer unterstützt österreichische Start-ups und etablierte Unternehmen zudem im Rahmen der Initiative „Go Silicon Valley“ beim Einstieg und der Etablierung auf dem US-amerikanischen Markt. Dazu zählt auch das erfolgreiche Unternehmen Agilox, das im März 2017 nach dreijähriger Entwicklungszeit den gleichnamigen mobilen Logistikroboter auf den Markt gebracht hat. Er fährt autonom, bewegt Lasten bis zu 1.000 Kilo und kann Paletten und Behälter transportieren. „Wir haben das erste intelligente Plug-and-play-Transportsystem geschaffen, welches sich omnidirektional bewegen kann und trotzdem in der Lage ist, Paletten vom Boden aufzunehmen und in einer gewissen Art auch selbstlernend ist“, beschreibt Firmenmitgründer und CEO Dirk Erlacher das Produkt. Die Fahrzeuge berechnen die optimalsten Routen für sich und kommunizieren sämtliche Daten untereinander, in etwa so wie bei Google Maps. Die Fahrzeuge kommunizieren nicht nur untereinander, sondern über die ‚Automation Gateways’ auch mit Rolltoren, Brandmeldezentralen, Fördertechniken oder fremden Fahrzeugen. Durch die eingesetzte KI erkennt das Fahrzeug anhand eines Scanners selbstständig Hindernisse am Weg und umfährt diese intelligent.

„Ursprünglich sind wir im Rahmen der ‚Go Silicon Valley‘-Initiative nach San Francisco gegangen, um uns im Westen der USA bekannter zu machen, Kontakte zu knüpfen für den US-Marktaufbau und um vorbereitet zu sein, wenn wir Kapital von Investoren für noch schnelleres Wachstum benötigen sollten“, so Dirk Erlacher. „Derzeit steht für uns das vertriebliche Netzwerk im Vordergrund. Das ist hier einfach, da sich unsere Technologie schnell herumgesprochen hat und wir unseren jährlichen Umsatz verdoppeln. Daher haben wir bereits ein gesundes Unternehmen.“

Bildnachweis: © Getty Images

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