Eine Frage der Haltung

Im Presswerk ist die Welt noch in Ordnung. Bei Audi in Ingolstadt wird wie eh und je Stahlblech zwischen die zwei Hälften eines tonnenschweren Werkzeugs geschoben. Die riesige Presse, durch die das jeweilige Bauteil seinen Weg nimmt, ist ein dröhnender, wummernder Koloss. Drinnen, so weiß man, reichen zwar Roboterarme die Bleche von einer Form zur nächsten. Auch das Fräsen der Strukturen einer Tür oder eines Rahmens erledigen Roboter. Doch besonders künstlich oder außergewöhnlich intelligent sieht das auf den ersten Blick nicht aus – Blech biegen eben.

Die künstliche Intelligenz sitzt jenseits der Presse in den unauffälligen Kameras. Mit ihnen kann man den lästigen Rissen auf die Spur kommen, die sich nach dem Verformen der Bleche in manchen Karosserieteilen verbergen. Das klingt wenig spektakulär. Doch Ulrich Single, Elektrotechniker, 52, ist begeistert.

Der Leiter „Neue Geschäftsfelder Automatisierung“ im Bereich „Anlagen und Umformtechnik“ bei Audi hat hier mit seinen Leuten den Maschinen etwas beigebracht. Indem man sie mit 10.000 Bildern von Rissen aller Art gefüttert hat, haben sie gelernt, wie man Risse erkennt. Nicht wie die Kameras, die vorher im Einsatz waren und sich noch an Löchern, Linien und Kanten orientierten, also an einem Kontrast, und dann „Vorsicht, Fehler!“ meldeten. Nein, der Riss an sich wird nun erkannt, das Prinzip eines Risses, selbst wenn ein blendender Sonnenstrahl durch die Dachfenster fällt oder die Kameralinse verschmutzt ist.

„Wie der Roboter sich dieses Modell im Detail erschaffen hat, lässt sich nicht nachvollziehen“, räumt Single ein. „Da entstehen bei den Mitarbeitern schon auch Ängste. Doch Widerstand erwarten wir hier nicht.“ Denn die Vorteile lägen auf der Hand: höhere Qualität, weil jeder Riss zuverlässig erkannt wird, weniger Verschwendung, weil fehlerhafte Teile gar nicht erst verbaut werden. Mühselig war allerdings das monatelange Füttern der Maschine mit Daten, in dem Fall mit Bildern von Rissen, die ein Prüfstand generierte. Der zuständige Gruppenleiter, erzählt Single, zahlte zur Motivation mit Gummibärchen.

Das Riss-Prinzip: Intelligente Kameras auf Fehlersuche im Audi-Presswerk. (© Audi AG)

Das Riss-Prinzip: Intelligente Kameras auf Fehlersuche im Audi-Presswerk. (© Audi AG)

Der umfassende Wirkungsgrad von KI

Wenn es immer so einfach wäre. Denn künstliche Intelligenz berührt nahezu jeden Aspekt unseres Lebens – vom persönlichen Assistenten im Smartphone bis hin zu komplexen Analyseverfahren in der Industrie. Und es fängt gerade erst an: KI hat das Potenzial, nicht nur die Fertigung produktiver zu machen, sondern auch Märkte fundamental zu verändern und bereits etablierte Geschäftsmodelle zu verdrängen.

Genauer beleuchtet hat das die PwC-Studie „Sizing the prize“, in der die wirtschaftlichen Auswirkungen der künstlichen Intelligenz auf Volkswirtschaften, Unternehmen und einzelne Branchen untersucht wurden. Das Ergebnis: Aufgrund künstlicher Intelligenz wird das globale Bruttoinlandsprodukt (BIP) bis 2030 um 14 Prozent höher ausfallen. Dies entspricht einem Plus von 15,7 Billionen USD – mehr als dem derzeitigen BIP von China und Indien zusammen. Auch Europa profitiert: Hier wird bis 2030 ein Wachstum von 9 bis 12 Prozent erwartet.

„Es gibt keine Branche, die sich dem Einfluss von künstlicher Intelligenz entziehen kann. Die Auswirkungen auf die Produktivität allein könnten den Wettbewerb umwälzen, ja sogar schädigen. Unternehmen, die KI nicht einsetzen, könnten in puncto Durchlaufzeiten, Kosten und Erfahrungen rasch zurückfallen und als Folge daraus wesentliche Marktanteile verlieren“, sagt Thomas Riegler, Partner und Digital & Innovation Leader bei PwC Österreich.

Die Studie umfasst auch den PwC AI Impact Index, der in acht Branchen jeweils drei Geschäftsfelder mit dem größten Potenzial für künstliche Intelligenz identifiziert. Dazu gehören zum Beispiel bildgestützte Diagnostik, bedarfsgerechte Produktion und autonome Verkehrsregelung.

„Mithilfe von künstlicher Intelligenz können sich Unternehmen einen Mehrwert verschaffen und so ihr Unternehmen verbessern und erweitern. Die neue Studie zeigt, welche enormen Auswirkungen KI auf unser Leben als Einzelperson, als Unternehmen und als Gesellschaft hat. Unternehmen sind jetzt gefordert, ihre Geschäftsmodelle neu zu hinterfragen, um die Chance der künstlichen Intelligenz für sich nutzen zu können“, empfiehlt der PwC-Experte.

Auch Österreich bekommt eine KI-Strategie

Im dritten Quartal des laufenden Jahres soll nun auch Österreich eine umfassende Strategie für künstliche Intelligenz bekommen. Infrastrukturminister Norbert Hofer (FPÖ) und Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) hatten dem Ministerrat im November 2018 einen entsprechenden Antrag zur Ausarbeitung einer solchen Strategie vorgestellt. Mit der Strategie – Arbeitstitel „Artificial Intelligence Mission Austria 2030“ – will die Regierung „die Rahmenbedingungen für eine wohlstandsfördernde und verantwortungsvolle Nutzung von KI in allen Lebensbereichen setzen“. Insbesondere soll die Wirtschaft Österreichs in die Lage versetzt werden, KI aktiv mitzugestalten, sich daraus bietende Chancen frühzeitig zu nutzen und unbeabsichtigte Konsequenzen zu vermeiden.

„Rund um den Globus wird erwartet, dass KI-gestützte Maschinen kurz- bis mittelfristig menschliche kognitive Fähigkeiten, wie Wahrnehmen, Verstehen und Planen, in zahlreichen spezifischen Aufgabenstellungen erreichen und die Leistungsfähigkeit physischer autonomer robotischer Systeme massiv erhöhen werden“, heißt es dazu in dem Antrag. Die Technologie werde völlig neue Möglichkeiten bieten, komplexe Problemstellungen in verschiedenen Bereichen – vom Gesundheitssystem bis zum Klima- und Umweltschutz – weitaus effizienter als bisher zu lösen.

Der Antrag weist aber auch auf die „zahlreichen Risiken“ hin, die der zunehmende Einsatz von KI-Lösungen mit sich bringt. Zum Beispiel volkswirtschaftliche Auswirkungen durch den weitreichenden Wandel des Arbeitsmarkts, demokratiepolitische Bedrohungen wie die Beeinflussung öffentlicher Meinung durch Verbreitung von Inhalten, die durch KI generiert wurden, Diskriminierungen durch fehlerhafte Daten, automatisierte und zielgerichtete Desinformationskampagnen oder neue Gefahren aus dem Bereich Cyberkriminalität. Basis der KI-Offensive sind ein „White Paper“, das der Österreichische Rat für Robotik und Künstliche Intelligenz ausgearbeitet hat, sowie verschiedene internationale Studien und EU-Leitlinien.

<p>„Vierte industrielle Revolution“: Frontklappenproduktion des Audi A4 in Ingolstadt. (© Audi AG)</p>

„Vierte industrielle Revolution“: Frontklappenproduktion des Audi A4 in Ingolstadt. (© Audi AG)

Die Ziele der Strategie sind umfassend: So soll ein verantwortungsbewusster, auf das Gemeinwohl hin orientierter breiter Einsatz von KI auf Basis europäischer Grundwerte in Österreich vorangetrieben und Maßnahmen entwickelt werden, um mögliche Gefahren und Fehlentwicklungen, die sich aus KI für Menschen und Gesellschaft ergeben können, rechtzeitig erkennen, abfedern beziehungsweise verhindern zu können. Die Forschung in diesem Bereich soll „in Schlüsselbereichen oder Nischen auf ein weltweites Spitzenniveau“ gehoben und vor allem der Transfer von KI-Anwendungen in heimische Klein- und Mittelbetriebe vorangebracht werden.

Praktiker in den Unternehmen treiben dagegen schon ganz andere Gedanken um. „Die technische Umsetzung ist eine geringere Herausforderung als die Haltung der beteiligten Mitarbeiter und die Wahl einer klugen Vorgehensweise“, sagt Franz Weghofer, Leiter „Smart Factory“ bei Magna Steyr in Graz. Als Tochtergesellschaft des kanadischen Automobilzulieferers Magna stellt das Unternehmen komplette Fahrzeuge her, zum Beispiel für Mercedes-Benz, BMW oder Jaguar.

„Wir verfolgen im ganzen Magna-Konzern seit Jahren eine Vielzahl von Pilotprojekten im Bereich KI. In Graz können wir daher auf schon erprobte Anwendungen zugreifen. Für die Umsetzung im konkreten Fall spannen wir immer Prozessverantwortliche, IT-Spezialisten, Forschungspartner und unterstützende Start-ups zusammen. So tasten wir uns langsam vor.“

In der Fabrik veranstaltet Weghofer regelrechte Roadshows, um den Mitarbeitern die Neuerungen zu erklären, ihre Sorgen anzuhören und ihre Ideen zu berücksichtigen. In der Lackiererei gibt es schon ein analytisches Modell für die Qualität der Lackierung; daraus will er nun ein selbststeuerndes und selbstlernendes System machen. Im Karosserierohbau ist eine Bilderkennung umgesetzt, mit der im Prozess geprüft wird, ob die Maße stimmen und die Schweißpunkte richtig gesetzt sind. In der Getriebefertigung werden Mitarbeiter mithilfe von Hologrammen und Datenbrillen durch den Prozess geführt; so haben sie die Hände frei. Viele Ideen kommen aus der Spieleindustrie, wie Weghofer erklärt.

Die große Bedeutung der Datenkultur

Die Verfügbarkeit von Daten nennt er als größte Herausforderung. „Wir bauen Fahrzeuge für die verschiedensten Autokonzerne, und jeder hat seine eigene Datenwelt. Natürlich sind wir an einem direkten Datenaustausch interessiert, aber das ist ein sensibles Thema.“ Der erfahrene Produktionsmann, seit 25 Jahren im Unternehmen, wirkt ungeduldig: „Die Devise lautet: pragmatische Vorgehensweise. Einfach tun, machen, umsetzen.“

„Ein bisschen Datenanalyse ist noch keine KI.“

Thomas Riegler, Partner und Digital & Innovation Leader bei PwC Österreich

PwC-Experte Thomas Riegler beobachtet in der Praxis noch Hemmnisse in der Unternehmenskultur beim Umgang mit KI. Wer das Risiko scheue, sei oft nicht bereit, Dinge nach der Methode Versuch und Irrtum auszuprobieren, wie es bei KI-Anwendungen meist notwendig sei. Gerade erfahrene Ingenieure hätten manchmal nicht den Mut, einfach zu beginnen und am realen Objekt zu lernen.

„Ein bisschen Datenanalyse ist noch keine KI“, sagt der PwC-Experte. Bei vielen Unternehmen stecke das Thema noch in den Kinderschuhen, auch weil die österreichischen Betriebe oft etwas kleiner seien und die notwendigen Investitionen beträchtlich hoch. Das Thema „vorausschauende Wartung“ werde noch am ehesten verfolgt, weil man da den Kunden rechtzeitig den Service für die eigenen Produkte verkaufen könne.

Zudem sei die Datensicherheit ein Riesenthema. Wer trägt die Verantwortung, wenn sensible Daten verloren gehen? Welchen Softwareplattformen und Kooperationspartnern kann ich vertrauen? „Denn mit selbst gestrickter Software kommt man bei dem Thema nicht weiter und auch nicht allein mit dem eigenen Datenvorrat“, sagt Riegler. „Nur mit großen Datenmengen gelingen verlässliche Prognosen.“

Bildnachweis: © Audi AG

Newsletter abonnieren

Mit dem Newsletter verpassen Sie keine Ausgabe der next: Das Magazin für Vorausdenker

Anmelden
Feedback

Sie möchten uns Feedback zu diesem Beitrag geben? Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldung.

Feedback
Diesen Beitrag teilen

Hier können Sie den Beitrag über soziale Medien teilen.

Teilen

Sie möchten für immer auf Höhe der Vorausdenker sein?
Hier für den next: Newsletter anmelden!

Anmelden