Kolumne

Augen auf – wann reisen bildet

Jahrelang sind Führungskräfte zu „Kaffeefahrten“ ins Silicon Valley aufgebrochen, um vor Ort rund um Palo Alto zu sehen und zu verstehen, wie die großen Netzwerke und Plattformen von Airbnb über Facebook und Google bis zu Uber so erfolgreich digital wirtschaften. Es gab durchaus Zeiten, als diese Pilgerfahrten wirklich erkenntnisreich waren, weil sich dort die Prinzipien eines neuen Wirtschaftens manifestierten und die Grundmodelle der Plattformökonomie studieren ließen.

Neue Ideen und Impulse entstehen in einem Umfeld, wo es vor allem Diversität und Experimente, ausprobieren und scheitern gibt. Das findet sich im arrivierten Valley immer seltener. Vieles ist geprägt von Marketing beziehungsweise der Selbstvermarktung von Gründern wie Elon Musk. Wesentlich spannender sind inzwischen Städte wie Peking, Shanghai und nicht zuletzt Shenzhen, Heimat der mit teilweise massiver staatlicher Unterstützung hochgezüchteten Unternehmen wie Alibaba, Baidu, SenseTime, Tencent – die Treiber der chinesischen KI-Revolution. So machen sich die von der deutschen Bundesregierung ausgelobten 3 Milliarden Euro Forschungsgelder für KI neben den 15 Milliarden Dollar allein in Shanghai recht bescheiden aus.

Vor allem in Shenzhen werden die Prinzipien des Valleys rekombiniert und von einer auf Marktführerschaft getrimmten Wirtschaft aggressiv vorangetrieben, sodass die Time to Market, der Zeitraum von Forschung zu Serienreife, erheblich verkürzt wird. Eine Vielzahl von Forschungseinrichtungen, Unternehmen, Start-ups und Fabriken verbinden sich dort zu mächtigen Wertschöpfungsketten. Aus dem Zusammenspiel innovativer Software und für die gesamte Welt gebauter Hardware entstehen spannende Ideen.

Ulrich Störk ist Sprecher der Geschäftsführung bei PwC Deutschland. Mehr lesen »

Ulrich Störk ist Sprecher der Geschäftsführung bei PwC Deutschland. Der promovierte Ökonom, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater verantwortet Schlüsselmandate unter anderem aus der Pharmaindustrie, dem Handel und der Bauwirtschaft. Zuvor leitete er den größten deutschen PwC-Standort Frankfurt. Weniger lesen »

Kanada als neuer KI-Hotspot

Doch nicht nur in China sprießen die Hightech-Blütenträume: Statt nach Kalifornien bewegt sich der Zug der digitalen Lehrlinge zunehmend auch gen Kanada. Dort gilt der 112 Kilometer lange Korridor Toronto–Waterloo als neuer Hotspot der KI-Forschung und „Silicon Valley des Nordens“. Allein die Zahl der Softwareentwickler in der Region hat sich in den vergangenen fünf Jahren um 40 Prozent erhöht. In Toronto baut die Google-Muttergesellschaft Alphabet mit den Sidewalk Labs an einer volldigitalisierten, mit KI durchdrungenen Smart City, durchaus vergleichbar mit entsprechenden Plänen in Shanghai. 

Jedoch finden sich auch auf der Deutschlandkarte einige lohnende Reiseziele. Wir haben auf dem Feld KI eine hervorragende Ausgangsposition mit weltweit führenden Wissenschaftlern und Forschungsinstituten. Es haben sich eine ganze Reihe von digitalen Ökosystemen, sogenannte Digital Hubs, herausgebildet. Diese Hubs, derzeit zwölf an der Zahl, werden vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert und bringen, schön föderal, in den Kommunen die digitale Kompetenz etablierter Unternehmen, Start-ups und exzellenter Wissenschaft zusammen. Mehr als 600 Partner bilden in 12 Hubs die Basis für eine deutsche Antwort auf die bisherige Vorherrschaft der digitalen Mekkas. So steht München für Mobility & InsurTech, Stuttgart für Future Industries, Nürnberg/Erlangen für Digital Health, Frankfurt/Darmstadt für FinTech & Cybersecurity, Dresden/Leipzig für Smart Systems & Smart Infrastructure, Berlin für IOT & FinTech, Hamburg für Logistics, Potsdam für MediaTech, Dortmund für Logistics, Köln für InsurTech, Mannheim/Ludwigshafen für Digital Chemistry & Digital Health und Karlsruhe für Artificial Intelligence.  

Der große Schatz der deutschen Unternehmen

Deutsche Unternehmen haben überdies ein riesiges Reservoir an digitalen Maschinendaten – mehr als jedes andere Land. Die modernsten Produktionsmaschinen werden hierzulande entwickelt und gebaut. Bei der Echtzeit-Datenanalyse mit selbstlernenden KI-Algorithmen und bei der laufenden Überprüfung der Produktionsqualität in Smart Factorys durch Sensoren braucht Deutschland den weltweiten Vergleich nicht zu scheuen. 

Bei Unternehmen wie BMW, Bosch und ZF – um nur einige zu nennen – werden nicht mehr die Produkte erst nach Fertigstellung am Bandende geprüft, sondern schon im Lauf der Produktion ständig kontrolliert und, falls nötig, nachgebessert. Die Chancen, die sich aus solchen Anwendungen ergeben, gilt es zu nutzen und mit den Erkenntnissen der Hightech-Reisen zu kombinieren.

Vorsicht vor dem „Überlebensirrtum“

Wer sich in den aktuellen digitalen Hotspots auf die Spuren erfolgreicher Geschäftsmodelle begibt, sollte indes sehr genau hinschauen, auch unter dem Teppich, um nicht dem Survivorship Bias, zu Deutsch „Überlebensirrtum“, zu unterliegen. Denn von den gerne vorgeführten positiven Beispielen lässt sich möglicherweise weniger lernen als von den Grabstätten der meist viel höheren Zahl gescheiterter Unternehmen, Projekte und Karrieren. Erfolgsprojekte sind ohnehin schwer bis gar nicht zu kopieren, auch bzw. gerade, weil alle Welt darüber in höchsten Tönen berichtet hat.

„Nur die Toren urteilen nicht nach dem Augenschein“, schrieb einst Oscar Wilde. Das gilt erst recht für die Entwicklung im „Digital Age“. Aber lassen Sie sich nicht vom schönen Schein und altruistischen Mission Statements blenden: Das ambitionierte Alphabet-Projekt in Toronto etwa droht zu scheitern, weil die Google-Mutter die in der Smart City anfallenden Daten nicht mit Stadt und Bürgern teilen will.

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