Der Sprung des Drachen

Wer in Hangzhou, einer chinesischen Provinzhauptstadt mit rund zehn Millionen Einwohnern, bei der Imbisskette Kentucky Fried Chicken zum Essen geht, muss zum Bezahlen inzwischen weder seine Geldbörse noch sein Smartphone zücken. Nach der Bestellung scannt eine 3D-Kamera das Gesicht des Kunden. Der Vorgang dauert kaum mehr als ein paar Sekunden. Auch Thomas Heck staunte bei seiner jüngsten Chinareise nach Shanghai nicht schlecht, als er sich in seinem Hotel anmelden will: Die chinesischen Gäste werden längst nicht mehr beim Portier vorstellig. „Sie mussten sich an der Rezeption an Gesichtserkennungsgeräten mit KI-Technologie registrieren“, erzählt der Leiter der Chinese Business Group bei PwC. Entwickelt wurden solche Projekte wie „Smile to Pay“ von dem chinesischen Start-up Ant Financial. Es ist ein Tochterunternehmen des chinesischen Onlinehändlers Alibaba – und mit einem Wert von 150 Milliarden Dollar zugleich das wertvollste Start-up der Welt.

Der Kampf um die Technologiehoheit der Zukunft

Der Wettbewerb im Bereich künstliche Intelligenz (KI) ist längst ein Kampf um die Technologiehoheit der Zukunft. Lange Zeit waren die USA unangefochten die Nummer 1, und sie sind es noch. Doch nicht nur die obigen Anekdoten verdeutlichen, wie sich die Kräfteverhältnisse in diesem Bereich derzeit dramatisch verschieben. In den vergangenen Jahren hat sich vieles verändert – vor allem in China. Die Machthaber in Peking lassen jedenfalls keinen Zweifel daran aufkommen, wer diesen Wettkampf gewinnen wird. Bis 2030 soll die Volksrepublik KI-Weltmacht werden – so steht es im strategischen Plan des chinesischen Staatsrats. „In China gibt es eine große politische Vision“, sagt Heck. „Und die Firmen folgen dieser Vorgabe, da das Wohlwollen der Regierung für Unternehmen in China sehr wichtig ist.“ Es sei kein direkter Zwang, Heck nennt es vielmehr „die Macht des Faktischen“.

„In China gibt es eine große politische Vision.“

Thomas Heck, Leiter der Chinese Business Group bei PwC

Dieser Macht folgend, werden in China unzählige Forschungsvorhaben, Initiativen und Projekte in Angriff genommen. Einen Überblick darüber, wie viel die Volksrepublik insgesamt in KI-Projekte investiert, gibt es nicht. Aber einzelne Projekte lassen das Ausmaß zumindest erahnen: Im Westen Pekings wurde beispielsweise dieses Jahr der Bau eines 2,1 Milliarden Dollar teuren KI-Technologieparks beschlossen. Zum Vergleich: Die amerikanische Regierung gab 2016 insgesamt 1,2 Milliarden Dollar für „nicht geheime“ KI-Programme aus. Einer aktuellen Untersuchung der renommierten Qinghua-Universität in Peking zufolge, werden inzwischen 60 Prozent der weltweiten KI-Investitionen in China getätigt. Für das Jahr 2018 prognostizierten die Forscher ein weiteres Plus des chinesischen KI-Marktes um 75 Prozent.

Trotzdem pilgern viele europäische Manager noch immer ins kalifornische Silicon Valley, um bei Google, Facebook und Co. die Onlinewelt von morgen zu besichtigen. Dabei sollten sie lieber in die andere Richtung reisen, nach Osten. Denn die digitalen Champions der Zukunft sitzen in China: Baidu, Alibaba und Tencent – in der Fachwelt werden sie bereits unter dem Kürzel BAT zusammengefasst. Sie stehen an der Spitze einer umfassenden Entwicklung. „Neben diesen großen dreien sind die unzähligen Start-ups Chinas Stärke“, sagt Heck. Das in Peking ansässige SenseTime beispielsweise ist führend im Bereich Gesichtserkennung und stellt große Teile der Überwachungssoftware der chinesischen Polizei. Der Wert des Start-ups: 4,5 Milliarden Dollar.

Die Zahl der chinesischen KI-Forscher wächst rasant

Es ist das Geld, mit dem China zunehmend auch internationale Experten in die Volksrepublik lockt. Noch ist die absolute Spitze der KI-Forschung fest in amerikanischer Hand. Ende 2017 kamen 13,9 Prozent der KI-Spitzenforscher aus den USA, weit mehr als die 8,9 Prozent aus China. Aber die Zahl der chinesischen Forscher wächst rasant. Auf dem Jahrestreffen der „Association for the Advancement of Artificial Intelligence“ (AAAI), der weltweit wichtigsten KI-Konferenz, ist seit Jahren eine klare Tendenz zu erkennen: Dort ist seit 2012 die Zahl der wissenschaftlichen Aufsätze von amerikanischen Forschern um sieben Prozent zurückgegangen (auf 34 Prozent), während Chinas Forscher im selben Zeitraum 13 Prozent mehr Papiere vorlegten. In den führenden KI-Fachzeitschriften ist Ähnliches zu beobachten.

Einer, der maßgeblich zu diesem Trend beigetragen hat, ist Kai-Fu Lee. Der chinesische KI-Experte war lange Präsident von Google China und hat unter anderem das „Microsoft Research Asia“-Zentrum in China gründet. Hier werden inzwischen mehr als 5.000 Nachwuchsforscher mit Schwerpunkt künstliche Intelligenz ausgebildet. Führende chinesische Unternehmen wie Baidu, Alibaba, Tencent oder Haier haben ihre CTOs (Chief Technology Officers) beziehungsweise ihre KI-Leiter aus diesem Pool ausgewählt. 2009 gründete Lee sein eigenes Unternehmen „Sinovation Ventures“ und investiert seither massiv in chinesische KI-Start-ups. Es sei ohne Zweifel gut, Spitzenforscher zu haben, erklärt Lee. Aber im KI-Bereich sei ein anderer Faktor viel entscheidender: Daten. Während der Industrialisierung war Öl der wichtigste Rohstoff, im Zeitalter von KI sind es Daten. Sie füttern KI-Algorithmen fortlaufend mit immer neuen Informationen und forcieren damit das „deep learning“ der verbundenen Maschinen. Je mehr Daten, desto besser. Auf diesem schlichten Umstand beruht beispielsweise auch der Erfolg von Facebook und Google. Und genau hier liegt China schon heute weit vor den USA.

Datenethik? Die Chinesen nehmen’s locker!

Wohl keine andere Gesellschaft der Welt ist derart internetaffin wie die Chinesen. In der Volksrepublik gibt es 750 Millionen Internetnutzer; 455 Millionen davon bezahlen täglich online. Schon 2016 führten Chinesen mit ihren Smartphones Transaktionen im Wert von 5,5 Billionen Dollar durch – das ist ungefähr 50-mal so viel wie in den USA, schätzt iResearch, eine Consultingfirma aus Shanghai. Natürlich nehmen mobile Zahlungen auch in Amerika stetig zu, doch in China geschieht mittlerweile fast alles online: Die Chinesen nutzen Programme wie WeChat, Baidu, Renren oder Weibo – Chinas WhatsApp, Google, Twitter und Facebook – und hinterlassen jedes Mal neue Daten.

Hier serviert der Roboter: Chinas erstes AI-Restaurant

Und während in Amerika und Europa hitzig über die Gefahren neuer Technologien und über Datenschutz debattiert wird, ist die Wahrung der Privatsphäre in China kaum ein Thema. Es gibt schlicht kein Gesetz, das ernsthaft Daten schützt. Das verleiht Chinas Tech-Giganten gegenüber der US-Konkurrenz einen strategischen Vorteil, denn hier wird alles gesammelt: von persönlichen Angaben, Vorlieben und Hobbys über Kauf- und Essgewohnheiten bis hin zu Angaben zu Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen. Hinzu kommt die Erfassung biometrischer Daten. Wohin diese Datensammlungen allerdings auch führen können, zeigen die Pläne für ein landesweites Sozialkreditsystem: Noch läuft die Testphase, aber bis 2020 soll jeder Chinese in einem digitalen Bewertungssystem erfasst werden. Ziel ist es, die chinesische Gesellschaft durch eine umfassende Überwachung zu mehr „Aufrichtigkeit“ im sozialen Verhalten zu erziehen. So besteht die Gefahr, dass China seinen technologischen Fortschritt zum Aufbau eines perfekten Überwachungsstaats nutzen könnte. Die umfassende politische Vision von Chinas Führung und die riesigen Investitionen der Unternehmen treffen in China auf einen dynamischen Markt mit Menschen, die experimentierfreudig und sehr aufgeschlossen gegenüber neuen Technologien sind. Es ist eine Mischung, mit der China zum großen Sprung an die KI-Weltspitze ansetzt.

Bildnachweis: © Getty Images

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