Ich flieg’ dann mal zum Mars

Das Ziel lautet eine Million Marsbewohner bis zum Jahr 2060. Und der Mann meint es ernst. „Entweder wir werden eine multiplanetare Spezies und eine raumfahrende Zivilisation oder wir bleiben auf diesem einen Planeten stecken, bis uns die Ressourcen ausgehen“, so lässt sich Elon Musk zitieren, 47, wohnhaft in Kalifornien, Mitbegründer von PayPal und Tesla, SpaceX und Neuralink. Der Unternehmer und Investor denkt offensichtlich weit über sich hinaus.

Ob er Raketen zum Mars schickt oder Gehirne per Computer miteinander verbindet – es geht immer um Großes. Nicht nur um ein Geschäftsmodell, eine Marktlücke, eine Renditemaschine, nein, gleich um die Zukunft der Menschheit, um apokalyptische Fragen, ob nun die Erde unbewohnbar wird oder ob die Roboter uns mit künstlicher Intelligenz versklaven, wenn wir uns nicht rasch zu ihresgleichen machen.

Die einen nennen es Genie, die anderen Besessenheit oder Wahn. Doch zugegeben: Wer Leuten wie Musk folgt, kann von sich sagen, er diene einem Zweck. Er widmet seine Arbeitskraft nicht nur einer Firma oder einem charismatischen Chef, sondern einer großen Sache, einem tieferen Sinn. Möge das Programmieren und Analysieren in hermetisch geschlossenen Datenräumen noch so stupide und mühsam sein, die verlangte Selbstoptimierung und Agilität noch so kräftezehrend – der Sinn, der Zweck, der „Purpose“ treibt die Mitarbeiter an.

Braucht bald jede Firma einen „Purpose“?

So suggerieren es uns die großen Firmenvorbilder aus dem Silicon Valley. Auch die Gründer von Apple oder Facebook wollten ja angeblich die Welt zu einem besseren Ort machen, gewannen eine unvergleichliche Beliebtheit als Arbeitgeber, erstaunliche Produktivitätswerte. Man könnte ableiten: Wenn die Menschen wissen, was sie tun und warum sie es tun, sind sie glücklicher, kreativer, lernfähiger und zu einem höheren Einsatz bereit. Und wenn das so ist, bräuchte dann nicht jede Firma dringend einen „Purpose“?

„Wer Leistung fordert, muss Sinn-Möglichkeiten bieten“, betonte schon der Wiener Psychologe und Begründer der Existenzanalyse, Viktor Frankl. Dieser Zusammenhang wird durch zahlreiche Umfragen und Studien bestätigt. Besonders junge Menschen sind nicht mehr so einfach durch Karriereperspektiven, Bonifikationen und Status zu beeindrucken oder im Unternehmen zu halten. Menschen wollen zunehmend einen persönlichen Sinn in ihrer täglichen Arbeit erkennen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Sinnverlust noch viel mehr als Stress und Überarbeitung geradewegs zu Burn-out und existenziellen Krisen führen kann.

Das untermauern auch aktuelle Zahlen: Im Rahmen der Befragung „Kompass Neue Arbeitswelt“ hat marketagent.com im Auftrag der Jobplattform Xing mehr als 1000 Erwerbstätige in Österreich gefragt, weshalb sie arbeiten gehen. Und siehe da: 87,1 Prozent der Befragten ist es wichtig, dass ihre Arbeit einen Sinn hat. „Sinnhaftigkeit spielt im Job für Berufstätige eine zentrale Rolle, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Bildungsgrad. Zudem unterstreichen unabhängige Studien, dass sinngetriebene Unternehmen wirtschaftlich besser performen und Mitarbeiter loyaler und engagierter sind“, kommentiert Jutta Perfahl-Strilka, Director Sales New Business DACH in Wien das Ergebnis.

Auf die Frage: „Was ist der Sinn Ihrer Arbeit?“ würden fast jeder zweiten Führungskraft Antworten auf einer tieferen Ebene fehlen, behauptet der österreichische Arbeitspsychologe und Psychotherapeut Helmut Graf, Autor des Buchs „Psychotherapie in der Arbeitswelt“. „Die Frage nach dem Sinn auf die Arbeit angewendet, bedeutet, dass Arbeit als Identitätsstiftung und zur Identitätsgewinnung beitragen und Sinnfindung und Sinnentfaltung ermöglichen muss, um motivierend zu wirken“, sagt er.

Lernen von den Gründervätern

Dabei haben Familienunternehmer den Purpose offenbar in ihrer DNA. Da gibt es historische Beispiele wie Robert Bosch, der seine Mitarbeiter einst beschützte wie ein strenger, aber gütiger Vater und ihnen weit mehr Lohn zahlte als allgemein üblich. Und der außerdem die Gesellschaft als Ganzes im Blick hatte: die soziale Not, die Infrastruktur, die Hochschulen. Die von ihm gegründete Stiftung ist bis heute in Sachen Gesundheit, Wissenschaft, Bildung und Völkerverständigung unterwegs.

„Von Fischer Dübel bis Bofrost, Deichmann oder Aldi – gerade bei den Gründern der Nachkriegszeit ging es fast immer darum, das Leben der Menschen zu verbessern.“

Tom Rüsen, Vorstand des Wittener Instituts für Familienunternehmen

Und der heutige Bosch-Chef Volkmar Denner sagte bei der Vorstellung des neuen Firmenleitbilds: „‚We are Bosch‘ drückt klar und kompakt unser unternehmerisches Selbstverständnis aus. Wir wollen auf der Welt bleibende Spuren hinterlassen – geschaffen von einem einzigartigen, herausragenden Team.“

Gründerfiguren hätten sowieso fast immer Gutes im Sinn, sagt Tom Rüsen, Vorstand des Wittener Instituts für Familienunternehmen. Sie leiteten aus genauer Beobachtung Problemlösungen ab und kämpften mit aller Kraft für die Umsetzung ihrer Vision. „Von Fischer Dübel bis Bofrost, Deichmann oder Aldi – gerade bei den Gründern der Nachkriegszeit ging es fast immer darum, das Leben der Menschen zu verbessern“, meint Rüsen.

Das Wohl von Mensch und Umwelt im Mittelpunkt

Eine solche Gründerfigur ist auch Johannes Gutmann, Inhaber von Sonnentor, in Österreich Marktführer im Bereich des Biofachhandels mit Kräutern, Tee und Gewürzen. Seine Vision war vom Beginn vor 25 Jahren an schon immer, dass seine Heimatregion, das Waldviertel, von seiner Idee des Verkaufs biologischer Kräutertees profitiert. Heute wurden daraus rund 320 Arbeitsplätze in einer strukturschwachen Region sowie inzwischen mehr als 200 Biobauern, die zur Sonnentor-Familie gehören. „Mein Ziel, von meiner Arbeit leben zu können, hatte ich schon im ersten Jahr erreicht. Ich wollte leben und leben lassen, Wertschöpfung mit Wertschätzung verbinden, Freude und Gleichgewicht in meinem Leben, und das steht von Anfang an in unserem Leitbild“, sagt er.

Sein Purpose: Sonnentor handelt nach dem Prinzip der Gemeinwohlökonomie. In dieser ethischen Alternative zum gegenwärtigen profitgetriebenen Wirtschaftssystem steht das Wohl von Mensch und Umwelt im Mittelpunkt. „Wir brauchen mehr Unternehmen, die erfolgreich sind, weil sie sich für die Belange der Natur sowie der Menschen – der Mitarbeiter, der Verbraucher und der breiten Öffentlichkeit – verantwortlich zeigen“, so der ambitionierte Gründer. „Wir müssen statt egoistischem Wettbewerb ein besseres Miteinander fördern, von dem alle profitieren. Wir müssen in Zukunft Fairness, Transparenz und Nachhaltigkeit statt Konkurrenz belohnen.“

Einer der ersten Sätze, die er seinen Mitarbeitern – die er „Mitunternehmer“ nennt – beim Firmeneintritt sagt, lautet: „Sie arbeiten nicht für den Chef, Sie arbeiten für sich.“ Jeder komme so in eine verantwortungsvolle Rolle, um zu sehen, wie es im Team gemeinsam funktioniere. Der Wir-Gedanke werde so von Beginn an eingepflanzt und beginne immer mehr zu leben. Ergebnis: Die Zahl der Krankenstände pro Jahr und Mitarbeiter steht bei Sonnentor bei 5,5 Tagen – im Österreichschnitt sind es 12,5.

Ist intrinsische Mitarbeitermotivation besser?

Auch Ernst Schütz, 67, ist so ein Ökopionier. Er hat früher den Bekleidungsversender Waschbär geführt und 2006 per Management-Buy-out übernommen. Dieses Eigentum aber sieht Schütz als eigentliches Problem. Denn egal ob eine Familie, Aktionäre oder ein Investor – alle wollten an das erwirtschaftete Geld. Die Idee, der Sinn, der Zweck bleibe so ein reines Lippenbekenntnis.

Erst wenn das Unternehmen jeweils treuhänderisch den Menschen „gehöre“, die es gerade führten, wenn es also unverkäuflich sei, habe es die Möglichkeit, nachhaltig erfolgreich zu sein. Dann müsse es nicht seinen eigenen Kaufpreis erwirtschaften oder nach den Regeln des Kapitalmarkts ticken. Obwohl Schütz mehrere Kinder und neun Enkel hat, sah er sich nicht zum Vererben verpflichtet. Er wählte familienfremde Geschäftsführer, denen über eine Treuhandlösung 99 Prozent der Stimmrechte am Kapital zufielen, aber keine Bezugsrechte. Das eine übrige Prozent liegt bei einer Stiftung mit Sitz in Basel und Berlin, die passenderweise „Purpose“ heißt.

Unternehmer wie Gutmann und Schütz – sie setzen auf den Weg der kleinen Schritte, damit die Wirtschaft wieder für die Bedürfnisse des Menschen da ist, für seine freie Entfaltung, für ein sinnvolles Leben. Es scheint, man muss nicht gleich zum Mars fliegen – Purpose geht auch bodenständig, mittelständisch. Es reicht vielleicht, ganz irdisch erst mal ein neues Bewusstsein zu schaffen.

Bildnachweis: © Getty Video

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