Brain Works

Hallo, ich bin Amy“, kündigt sich die kecke, leicht beunruhigend robotisch klingende Frauenstimme an. „Niemand kennt die Zukunft. Aber ich bin hier, um Dich durch eine Vision zu führen, wohin wir gehen könnten.“ Amy ist die virtuelle Führerin durch Core City, eine Stadt der Zukunft, in der für die vier Millionen Einwohner selbstfahrende Autos, Roboter, Drohnen, personalisierte Werbung, 3-D-gedruckte Gebäude und ständige Cyberangriffe an der Tagesordnung sind.

„Du befindest Dich auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch als Zukunftsforscher“, fährt sie fort. „Auf Deiner Reise wirst Du einer Reihe potenzieller Störungen begegnen, um Deine Fähigkeiten für den Job zu testen.“ Und schon taucht der Besucher ein in eine belebte Straße mit einer Art Glasgewächshausdach. Die vorbeisausenden Lastwagen, Autos, Busse sind alle fahrerlos. „Keine Unfälle, keine Parkscheine, keine Emissionen. Es ist Glückseligkeit ... Und alles elektrisch, angetrieben von Quantenbatterien“, frohlockt Amy.

Die futuristische Story-Telling-Tour auf Basis von Virtual Reality ist die jüngste Entwicklung von PwCs neu gestartetem Disruption-Consulting-Team. Unternehmen können dabei in Workshops 20 verschiedene disruptive Technologien und nichttechnologische Megatrends wie sozialer Wandel und Klimaveränderung hautnah kennenlernen und überprüfen, inwieweit diese ihre eigenen Geschäftsmodelle betreffen könnten.

Horrorszenarien schüren Angst

Um von heute ins Morgen zu kommen, sind allerdings weit mehr positive Inspirationen erforderlich. Denn die neuen Technologien in Amys Welt verändern auch die Arbeit dramatisch: Ob fahrerlose Autos, fliegende Paketdrohnen oder Algorithmen zur automatischen Generierung von Sport- und Börsennachrichten – Maschinen dringen immer stärker in Tätigkeitsbereiche vor, die bislang dem Menschen vorbehalten schienen. Das macht vielen von ihnen Angst vor einem Jobverlust.

Zusätzlich geschürt wird diese Angst durch krasse Horrorszenarien: Die globale Arbeitslosigkeit könnte laut einer Studie von Frey und Osborne auf 24 Prozent (oder mehr) im Jahr 2050 steigen.

Die fortschreitende Digitalisierung der Wirtschaft und Arbeitswelt gefährde mittelfristig rund neun Prozent aller Jobs – 360.000 Stellen – in Österreich, so eine Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) vom Vorjahr. Auf Hilfsarbeiter und Handwerker entfallen dabei mehr als 50 Prozent der bedrohten Stellen. Wirtschaftsnobelpreisträger Christopher Pissarides hatte beim Treffen der Euro-Finanzminister in Wien im September einen Vortrag zur Zukunft der Arbeit gehalten. Nach seiner Einschätzung werden durch Digitalisierung und den Einsatz von Robotern 10 bis 30 Prozent der bisherigen Jobs wegfallen.

Zwar prognostiziert die jüngste Studie von PwC („Will robots really steal our jobs?“) ebenfalls ein Brutto-Freisetzungspotenzial von etwa einem Drittel der Arbeitsplätze. Sie weist aber auch ausdrücklich auf das Potenzial der Digitalisierung zur Schaffung von Arbeitsplätzen hin: In entwickelten Industriestaaten wie den USA oder der EU könnten die Verluste nahezu durch neu entstehende Jobs kompensiert werden.

„Intelligente Software ist auf dem Vormarsch und ändert alles. Die rasanten Entwicklungen der technischen Möglichkeiten werden vor allem repetitive Routinearbeiten ersetzen. Auch wenn Maschinen immer häufiger das Know-how liefern –das Know-why, also das Verstehen und die richtige Interpretation und Entscheidungsfindung, wird noch lange die Domäne des Menschen bleiben“, ist Christine Catasta, Senior Partner bei PwC Österreich, überzeugt.

In welche Richtung das Pendel ausschlägt, liegt nicht zuletzt an den Unternehmen selbst: Sie haben die Chance, die Zukunft jetzt zu gestalten, wie SAP-Chef Bill McDermott auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos darlegte: „Wir befinden uns in einer Welt der erweiterten menschlichen Fähigkeiten. Neue Technologien verändern die Welt hin zu einer besseren. Wir müssen nur sichergehen, dass die Menschen mitkommen in Bezug auf ihre Fähigkeiten, auf die Umrüstung und die Vorbereitung auf die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts. Klar, es werden andere Jobs sein. Aber es geht jetzt darum, wie wir am besten die Mitarbeiter auf die Veränderungen einstellen und diesen Wandel maximieren und kapitalisieren.“

Entwarnung: Neue Technologien bringen neue Jobs

McDermotts Sichtweise wird unterstützt von den Ergebnissen der internationalen Delphi-Studie des Millennium Project „2050: Die Zukunft der Arbeit“, herausgegeben von der Bertelsmann Stiftung. Sie hält es für „keineswegs gesichert, dass ein zunächst arbeitssparender technologischer Wandel insgesamt zu Beschäftigungsverlusten führt“. Sinkende Preise aufgrund einer gestiegenen Produktivität könnten die Konsumnachfrage stimulieren sowie zu einer Rückverlagerung von Produktionsprozessen aus Niedriglohnländern führen. Ferner entstehen durch neue Technologien neue Märkte und Beschäftigungsmöglichkeiten.

Laut einer Studie der EU sind allein aus der App-Industrie seit ihrer Entstehung rund eine Million Arbeitsplätze hervorgegangen. Und auch Bill McDermott, der bei SAP gerade einen externen Ethik-Beirat für künstliche Intelligenz gegründet hat, ist überzeugt, dass die Zukunft mehr Chancen als Risiken bietet: Allein die künstliche Intelligenz werde bis 2021 drei Milliarden neue Nutzungsmöglichkeiten bieten – bis 2030 sogar das Zehnfache davon – und mindestens 500.000 neue Jobs schaffen.

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Milliarden Nutzungsmöglichkeiten wird KI bis 2021 bieten und bis 2030 das Zehnfache davon.

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Was dabei auf Unternehmen und Beschäftigte zukommt, skizziert die erwähnte Delphi-Studie sehr lebensnah: „Arbeit ist heute schon mobil und multilokal, morgen ist sie virtuell und findet im Metaversum – dem kollektiven virtuellen Raum – statt.“ Viele der neuen Berufe entstehen demnach in den Sektoren Freizeit, Erholung und Gesundheit sowie in technologienahen Feldern. Dazu gehören auch neue Berufsbilder, vom Algorithmen-Versicherer bis zum Empathie-Interventionist, vom Bildungs-Portfolio-Optimierer bis zum Biosignal-Trainer, vom Metaversum-Innenausstatter bis zum Trollinspektor. „Vor allem bilden sich Arbeitsbereiche und Berufe heraus, die als Gegenentwurf der Roboter geprägt sind von ureigenen menschlichen Fähigkeiten wie Empathie oder Kreativität“, schreiben die Studienautoren.

Lernen werde dabei integraler Bestandteil der Arbeit. Das bedeutet auch die endgültige Ablösung hierarchischer Führungskultur, die ersetzt wird durch eine Kultur der Kooperation und der selbst organisierten Zusammenarbeit in zunehmend virtuellen Teams sowie die rasch wachsende Relevanz von selbstbestimmtem Lernen in neuen Formen. Derzeit, so befinden die Delphi-Experten, sind insbesondere die großen Arbeitgeber jedoch weit davon entfernt, die Reichweite der digital-technologischen Revolution am Arbeitsplatz verstanden und ihre Konsequenzen umgesetzt zu haben.

Im neuen Standort-Ranking des World Economic Forum landet Österreich zwar auf Platz 22, nimmt aber beim Indikator der Digitalisierung nur Rang 46 von 140 Ländern ein. Den immensen Handlungsdruck verdeutlicht eine weitere Zahl: 35 Prozent der für aktuelle Jobs erforderlichen Skills werden sich alleine bis 2020 ändern, schätzt das Weltwirtschaftsforum.

„Wie kann Technologie meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wirkungsvoll und möglichst nachhaltig im Rahmen der täglichen Arbeit unterstützen und so zu mehr Produktivität, Kreativität, Zusammenarbeit und Innovation führen?“

Michael Rehberger, One Commercial Partner & Small, Medium Corporate Lead bei Microsoft Österreich und Mitglied der Geschäftsführung

„Um auf diesem Weg keine falsche Abzweigung zu nehmen, müssen Führung, Unternehmenskultur und Technologie optimal aufeinander abgestimmt werden“, sagt Michael Rehberger, One Commercial Partner & Small, Medium Corporate Lead bei Microsoft Österreich und Mitglied der Geschäftsführung. Die Schlüsselfrage für Unternehmen lautet für ihn: „Wie kann Technologie meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wirkungsvoll und möglichst nachhaltig im Rahmen der täglichen Arbeit unterstützen und so zu mehr Produktivität, Kreativität, Zusammenarbeit und Innovation führen?“ Um dies zu beantworten, hat Microsoft über 20.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer (1.000 davon aus Österreich) in 21 EU-Ländern befragt.

Die Studie bescheinigt Österreichs Unternehmen einen großen Nachholbedarf: „Gerade bei Transformationsprozessen sowie dem Schaffen effizienter Rahmenbedingungen für die jeweiligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hinkt Österreich im EU-Vergleich deutlich hinterher“, so die Studie. Bedenklich sind vor allem einzelne Ergebnisse: Gerade einmal jeder achte Arbeitnehmer hat heute bereits die Möglichkeiten, seine Innovationskraft in das Unternehmen einzubringen (12 %). Ebenfalls nur 12 Prozent geben an, in ihrem Job die dafür notwendigen Rahmenbedingungen vorzufinden, um wirklich ihr Bestes geben zu können.

Wie der Weg in die digitale Zukunft aussehen kann, das macht gerade der Daimlerkonzern vor: 15–25 Prozent aller verkauften Pkw des Konzerns sollen laut Daimler-Chef Dieter Zetsche im Jahr 2025 vollelektrisch unterwegs sein. Allein 2017 investierte er daher bereits 120 Millionen Euro in die Aus- und Weiterbildung seiner Mitarbeiter. Jeder Daimler-Mitarbeiter nimmt im Schnitt an drei Tagen im Jahr an Schulungen teil. Einen Schwerpunkt widmet das Unternehmen dabei den Lehrlingen, die in vernetzten, flexiblen Fabriken an autonomen und elektrisch angetriebenen Fahrzeugen arbeiten.

„Wir integrieren moderne Produktionstechnik sowie neu entwickelte Seminare, Programme und E-Learning-Module fest in die Ausbildungspläne“, sagt Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth. Zum Beispiel im konzernweit ersten Industrie-4.0-Labor im Ausbildungszentrum Esslingen-Brühl. Dort lernen Lehrlinge Anlagen per Tabletcomputer zu steuern und eine hochmoderne Produktionslinie zu programmieren. Das Labor stellt eine vernetzte Produktion dar und simuliert die Abläufe einer Smart Factory. In den deutschen Mercedes-Benz-Truck- und Pkw-Werken erproben die Lehrlinge in Zukunftswerkstätten den Umgang mit neuen Technologien wie 3-D-Druck oder Smart Glasses.

Weiche Skills verdrängen harte

Absehbar ist schon jetzt, dass die Zukunft Unternehmen gehören wird, die bei der Personalauswahl und -bildung mehr auf weiche statt auf harte Skills setzen. Die Ergebnisse der im Dezember 2017 veröffentlichten PwC-Studie „Human value in a digital age“ aus den Niederlanden zeigen: Die Mitarbeiter von morgen müssen besser denn je mit weichen Sozialfaktoren ausgestattet sein. Zwar werden digitale Technologien vor allem repetitive Routinetätigkeiten ersetzen. Aber die fachlichen Kompetenzen des 21. Jahrhunderts rücken in den Fokus: kritisches Denken, problemlösungsorientiertes Arbeiten, Kreativität, Innovationskraft, Kommunikationsfähigkeit und die Fähigkeit, zusammenzuarbeiten. „Neben der gezielten Qualifizierung und der Neuausrichtung von Arbeitnehmern brauchen wir auch charakterliche Qualitäten wie Neugier, Empathie, Anpassungsfähigkeit und emotionale Agilität“, sagt Christine Catasta, Senior Partner von PwC-Österreich.

Eine aktuelle Studie des Portals LinkedIn und Bitkom Research sieht zudem künftig funktionsübergreifende Kompetenzen an der Spitze der Soft Skills stehen, gefolgt von Gesprächs- und Verhandlungsführung sowie Team- und Mitarbeiterführung. Zwischenmenschliches Fingerspitzengefühl wird Führungs- und Charaktereigenschaften überholen. Und wo heute noch Unternehmergeist und kreatives Potenzial zählen, wird schon in zehn Jahren sowohl fachübergreifende als auch interkulturelle Kompetenz im Vordergrund stehen, so die Studie.

Immerhin erkennen Wirtschaft und Politik die Brisanz des Themas: Beim Forum Alpbach schätzte ein hochkarätig besetztes Podium Österreich in der Digitalisierung nur durchschnittlich ein. „Das Thema digitale Transformation ist bei uns absolute Chefsache“, trommelte Regierungsberaterin Antonella Mei-Pochtler für Bundeskanzler Kurz und die Bundesregierung die Werbetrommel. Die digitale Transformation sei aber „ein kontinuierlicher Prozess der Anpassung“.

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Die gefragtesten Hard Skills im Business

Klicken Sie sich durch die einzelnen Skills, und erfahren Sie, wie sich die Nachfrage nach ihnen in zehn Jahren geändert haben wird:

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Legende:heutein 10 JahrenQuelle: Bitkom

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Die gefragtesten Soft Skills im Business

Klicken Sie sich durch die einzelnen Skills, und erfahren Sie, wie sich die Nachfrage nach ihnen in zehn Jahren geändert haben wird:

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Legende:heutein 10 JahrenQuelle: Bitkom

Dass die Digitalisierung zwar dringend angegangen werden müsse, aber eben auch in einer Firma wie Österreichs größtem Baukonzern Zeit brauche, räumte Strabag-Chef Thomas Birtel ein. „Wir haben eine klare Digitalagenda. Das zeigt, wie ernst wir das Thema nehmen.“ Der Schalter könne aber nicht von heute auf morgen umgelegt werden. „Der Prozess dauert wahrscheinlich mehr als ein Jahrzehnt.“ Ein wichtiger Punkt in der Weiterentwicklung bei Strabag sei beispielsweise die vernetzte Baustelle. Auch das Berufsbild „Building- and Informationmanager“ (BIM) sei seit Kurzem neu im Unternehmen, erläuterte Birtel.

Laut Martin Atassi, Kabinettsreferent für Digitalisierung und Start-ups im Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort, sollen die zehn häufigsten Behördengänge schnellstmöglich digitalisiert werden. Zudem werden die Investitionen von Partnerfirmen für Digitalbildungsprojekte verdoppelt. Das Ministerium sieht für solche Hilfestellungen etwa eine Million Euro vor.

Auch die zahlreichen Informationsverpflichtungen für Unternehmer sollen reduziert und die Durchführung soll wesentlich vereinfacht werden. Zu meldende Unternehmensdaten sollen – nach dem ‚Once Only'-Prinzip – nur mehr einmal abgegeben werden müssen. Darüber hinaus soll die elektronische Unternehmensgründung weiter ausgebaut werden. Ein zentrales Anliegen des Ministeriums ist es auch, KMUs im Rahmen der Digitalisierungsoffensive ans Netz zu bringen. Dabei sollen Mittelständler nicht nur unterstützt werden, ihre Produktionsprozesse elektronisch zu begleiten, sondern insbesondere auch dabei, das Internet für den E-Commerce einzusetzen.

Laut Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck ist das Kernthema der im September vorgestellten Digitalisierungsstrategie die Schaffung digitaler Kompetenzen, um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben. „Jeder soll in der Lage sein, seinen Computer zu bedienen“, so die Ministerin. Digitale Kompetenz sei heute wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Die Regierung hat deshalb das Projekt „Fit4Internet“ gestartet, das aus drei Bereichen besteht: die Festlegung von Standards für digitale Kompetenzen, das Zusammenbringen von Digitalisierungsexperten mit der Wirtschaft sowie die Stärkung digitaler Fähigkeiten der Arbeitnehmer.

Damit es in Österreich jemals so zugeht wie in Amys digitalisierter Core City, werden Unternehmen weiterhin Menschen brauchen, die eine solche Welt auch errichten.

Bildnachweis: © Getty Video

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