"Es geht schon längst nicht mehr nur um Zahlen"

Seit wann gibt es eigentlich den Wirtschaftsprüfer und wie ist das Berufsbild entstanden?

Unser Berufsstand hat eine lange Geschichte. Schon im alten Babylon wurde das Tempelvermögen geprüft. Im 14. Jahrhundert wurden in oberitalienischen Städten wie Genua sogenannte „Visitatoren“ eingesetzt, um Bücher von Kaufleuten zu überprüfen. Auslöser war der Aufschwung des Handels, inspiriert durch die damalige Renaissance in Italien. Die heute noch angewendete „doppelte Buchführung“ hat 1494 in Venedig ein gewisser Luca Pacioli entwickelt. In Österreich wurde der Fachverband schon 1904, zu Zeiten der Monarchie, als Gremium der Buchsachverständigen gegründet. 1920 schlossen sich alle Buchprüferverbände zum Österreichischen Reichsverband der Bücherrevisoren zusammen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde mit der Kammer der Wirtschaftstreuhänder (mit Beginn des Jahres 2018 in Kammer der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer umbenannt) die Organisation in ihrer heutigen Rolle begründet. Die Prüfung entstand in der Monarchie als Schutzfunktion, damit Unternehmen nicht zu viel Dividende ausschütteten. Die Interessen des Berufsstandes in Österreich werden, neben der Kammer, seit 1952 auch durch das Institut der Wirtschaftsprüfer (IWP) wahrgenommen.
 

<p>Peter Pessenlehner, Partner und Assurance Leader bei PwC Österreich</p>

Peter Pessenlehner, Partner und Assurance Leader bei PwC Österreich

Wie hat sich der Berufsstand dann weiterentwickelt?

Der Aufgabenbereich des Wirtschaftsprüfers hat sich in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts schrittweise erheblich gewandelt. Anfangs gab es keine vernünftigen Vorschriften über die Rechnungslegung und auch keine Kapitalschutzvorschriften; diese wurden 1966 durch das neue österreichische Aktiengesetz eingeführt. Da begann auch die Zeit des „Hakelmachers“ – es gab damals verschiedene Haken, je nachdem, wie gerechnet wurde. Der Begriff stammt aber vom deutschen Kollegen Eberhard Schäffler, der als Betriebswirtschaftsprofessor, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater unter dem Synonym „Sebastian Hakelmacher“ erheiternde Expertenbeiträge zum Thema geschrieben hat. Diese Tätigkeiten wurden ab den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts zusehends elektronisch abgewickelt. Ich erinnere mich noch gut an die „Schlepptops“, auf denen viel mit Excel gerechnet wurde. Daher stammt auch der Spitzname „Excelpapst“, der uns Wirtschaftsprüfern verliehen wurde.

Wie ging es dann im neuen Jahrtausend weiter?

Anfang des Jahres 2000 konnten wir schon Massendaten im Terrabytebereich verarbeiten, die wir von Unternehmen abgezogen haben. Viele Jahre später folgte „Halo for SAP“, eine automatisierte Prüfung der Rechnungswesensysteme, ohne eine zusätzliche Belastung in der Organisation der Mandanten zu verursachen. Das Tool ermöglicht eine Vollanalyse von Daten ohne vorhergehenden Datenabzug und fokussiert nur auf Auffälligkeiten. Aus der bisherigen Prüfung auf Stichprobenbasis wird somit eine digital unterstützte Vollprüfung eines Datenbestandes.

Was bewirkte der Einzug der KI in die Wirtschaftsprüfung, der etwa 2015 begann?

KI ist mehr als intelligente Datenanalyse. KI kann Sprache: Sie versteht Texte und Dokumente, kann selbst Texte produzieren und Fragen beantworten. Dieses Potenzial wollten wir unbedingt explorieren. In der Wirtschaftsprüfung und im Finanzwesen geht es ja schon längst nicht mehr nur um Zahlen. Die wertvollsten Unternehmen der Welt basieren auf Algorithmen und Daten, die wir schlussendlich beurteilen müssen. Viele Informationen stecken auch in Texten, werden in Berichten publiziert und oder können für die Beantwortung von gezielten Fragen verwendet werden. Benchmarking-Tools erlauben uns den Unternehmensvergleich. Aus Wirtschaftsberichten, die im Netz veröffentlicht sind, extrahiert es Indikatoren. Die Zeitreihendarstellung der Kennzahlen ermöglicht einen direkten Vergleich zwischen Wettbewerbern für das Unternehmen selbst, für Wirtschaftsprüfer oder Investoren. Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig: Vergleich der Performanz, Vergleich von Prognosen, Kreditwürdigkeitsprüfungen.

Wie sehen Sie die Zukunft der Wirtschaftsprüfung in dieser durchdigitalisierten Welt?

Man muss künftig als Wirtschaftsprüfer nicht gleich Informatiker sein, aber ein großes Technologieverständnis mitbringen. Ein Schwerpunkt unserer Tätigkeit liegt auch auf hybridem Lernen, also der intelligenten Kombination von maschinellem Lernen und Expertenwissen. Das verlangt von uns, neben der tiefen Kenntnis der Rechnungslegungsstandards, noch mehr als bisher zu verstehen, wie Technologie ablaufen kann. Zum Beispiel entwickeln unsere Kollegen in Deutschland aktuell ein Reportingtool. Es soll selbstständig Finanzberichte aus gegebenen Kennzahlen erstellen, etwa zum Umsatz oder zur Mitarbeiterstärke eines Unternehmens. Die Zahlen sollen automatisch bewertet und entsprechende Formulierungen für den Bericht gewählt werden. Solche Berichte sind sehr standardisiert und die automatische Erstellung erspart Routinetätigkeiten.

Können Sie mit diesem Know how als „Technologieversteher“ Unternehmen nicht auch auf ganz anderen Feldern unterstützen?

Das Berufsbild des Wirtschaftsprüfers ändert sich gerade stark. Prüfung ist mehr, als die Finanzberichterstattung der Vergangenheit zu testieren. Die bisherige, reine Vergangenheitsbetrachtung entwickelt sich verstärkt in Richtung „trust-based services“. Immer mehr Unternehmen möchten Zusicherungsleistungen in Bereichen haben, die sich aus dem reinen Finanzumfeld herauslösen. Die Nachfrage danach steigt gerade stark an. Während wir früher lediglich bestätigt haben, dass die Finanzberichterstattung richtig ist, verfügen wir inzwischen über digitale Tools, die auch Testate in anderen Bereichen ermöglichen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen Sie die explodierende Zahl der Cyberangriffe. Und gerade in der jetzigen Covid-Krisensituation, in der viele von daheim arbeiten häufen sich Vorfälle.
Hier sind wir in der Lage, die von Unternehmen eingesetzten Präventions- und Abwehrmaßnahmen auf ihre Zuverlässigkeit hin zu überprüfen. Unternehmen bekommen dann von uns eine Zusicherung, dass sie im Bereich Cybersecurity gute Systeme und Prozesse eingerichtet haben, damit verbunden auch die Zusicherung, dass sie gut auf mögliche Cyberattacken vorbereitet sind. Ein Vorstand kann dann seinem Aufsichtsrat, seinen Aktionären und auch seinen Kunden zeigen, dass er in dem Bereich bestens aufgestellt ist, sei es in einer Bank, einer Versicherung oder in einem Produktionsunternehmen. Weitere Beispiele für die Erweiterung unseres Tätigkeitsfeldes sind Testate auf nicht finanzielle Informationen eines Unternehmens („Social and Environmental Challenges“), Testate auf Digital Tools, die Unternehmen in ihren Prozessen einsetzen möchten, oder die begleitende Qualitätssicherung bei der Einführung neuer Rechnungslegungsstandards oder neuer ERP-Systeme, wie etwa aktuell SAP S/4 HANA.

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