Mitten in der Wiener Altstadt, nur ein paar Schritte vom berühmten Stephansdom entfernt, prallen Tradition und Moderne auch baulich aufeinander. Am Eck das wuchtig-kantige und fast schon vulgär postmoderne Haas-Haus von Stararchitekt Hans Hollein. Und direkt daneben und unscheinbar in die Goldschmiedgasse gedrückt liegt das Bankhaus Schelhammer & Schattera. In schmucklose Fassade gekleidete Diskretion pur. 1832 gegründet, steht die Bank für Stabilität, Verlässlichkeit und Tradition über fast zwei Jahrhunderte hinweg. Von der K&K-Monarchie bis heute – hier ist man noch Bankier und nicht Banker. Und man ist aus tiefer innerer Überzeugung katholisch.

Auf einem der beiden Chefsessel sitzt Vorstandsdirektor Peter Böhler. Der Glaube ist für ihn mehr als nur das Fortführen einer gesellschaftlichen Konvention. „Die christlichen Werte“, sagt Böhler, „sind für mich persönlich eine profunde Basis zur guten Bewältigung der täglichen beruflichen und privaten Herausforderungen.“ Und er ergänzt: „Die christliche Lehre und die zehn Gebote sind hervorragende Handlungsanweisungen für den Alltag. Befolge ich diese, gelingt ein Leben mit Wertschätzung für Familie, Freunde, Kollegen und Konkurrenten und ich kann jeden Abend ohne schlechtes Gefühl in den Spiegel schauen.“

Schelhammer & Schattera sieht sich als „führender Anbieter ethisch-nachhaltiger Bankdienstleistungen“. Die Bank richtet ihre Anlagestrategien auch an den Zielen des Weltklimabkommens und damit am Divestment aus – dem Rückzug von Anlagen aus umweltschädlichen Industrien. Ganz so, wie es sich Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato si“ gewünscht hat.

Ursprünglich war das Geldhaus im Eigentum der katholischen Kirche, seit 2015 gehört es mehrheitlich zur GRAWE Bankengruppe. Auch dort lebt man einen vom Christentum inspirierten Wertekodex. Ein unabhängiger Ethikrat wacht über das Handeln gemäß der katholischen Soziallehre. „Die Ziele der Bank korrespondieren mit der christlichen Schöpfungsverantwortung“, heißt es.

Trotz dieser klaren Ausrichtung ist der Glaube in der Bank „reine Privatsache“, betont Vorstand Böhler. Für ihn persönlich sei er jedoch das Fundament seiner Arbeit. „Der Glaube inspiriert mich zu einer positiven Grundhaltung und bejahenden Lebenseinstellung“, sagt er. Und weiter: „Er verhilft mir zu einer grundsätzlich offenen und im wahrsten Sinne des Wortes gutgläubigen Aufnahme der Menschen in meinem persönlichen und beruflichen Umfeld.“ Viele Unternehmer und Führungskräfte finden wie Böhler in einem zunehmend anonymer, digitaler und seelenloser werdenden Umfeld Inspiration, Inhalt und Orientierung im religiösen Glauben. Sie lesen die Bibel ebenso gewissenhaft wie Bilanzen. Das Bankhaus gehört zu den Unterstützern eines „Forums christlicher Führungskräfte“, das jährlich zu einer Zusammenkunft in das Benediktinerkloster Stift Göttweig in Niederösterreich einlädt. Dort tauschen sich überkonfessionell Unternehmer und Manager darüber aus, wie sie ihre „beruflichen Tätigkeiten und ihr Leben an den Werten des christlichen Glaubens ausrichten können“. Zuletzt traf man sich im April, um über „Future wealth – Werte, Wohlstand und Wachstum“ zu diskutieren.

Im Forum engagiert ist auch ein Firmenlenker ganz anderen Typs: Leonhard Merckens. Der 44-jährige Unternehmersohn aus Schwertberg in Oberösterreich begann nach Studienjahren in Deutschland, Frankreich und den USA seine Karriere zunächst bei einer Wirtschaftsberatung und hatte dann Managementaufgaben in der Papier- und Abfallwirtschaft inne. „Mit 14 Jahren wollte ich eigentlich Priester werden“, erinnert sich Merckens, der in einem katholischen Elternhaus aufwuchs und bei Jesuiten in die Schule ging. Er bedauert es nicht, dass es ihn beruflich dann doch mehr zum Weltlichen hinzog.

2011 vollzog Merckens einen wichtigen Schritt in seinem Leben. Er machte sich selbstständig. Ein Kärntner Landwirt suchte einen Nachfolger für eine kleine Firma, die sich auf den Handel von Abwurfstangen spezialisiert hatte. Das sind Geweihe, die Hirsche und Rehe jedes Jahr im Winter verlieren. Nach einer Prüfung der Bilanzen war dem versierten Betriebswirtschaftler und passionierten Jäger klar: „Mit dieser Firma kannst du eine sechsköpfige Familie ernähren und zugleich deine Fähigkeiten und Leidenschaften einbringen.“

Merckens’ Firma „Hirschalm“ kauft bei Jägern in Österreich die Abwurfstangen an und verkauft und verarbeitet sie weiter. Sie werden für Dekorationszwecke wie Bestecke, Knöpfe oder Möbel verwendet, aber auch als Heilmittel in der traditionellen medizinischen Medizin. Als geruchsarme Kauknochen für Hunde eignen sich die mineralstoffreichen Geweihe ebenfalls.

Merckens hat um sich ein kleines Team von Mitarbeitern aufgebaut – wie in einer Familie. „Für mich hat Christsein sehr viel mit Menschenfreundlichkeit zu tun“, sagt er. „Ich möchte, dass es den Menschen in meiner Firma gut geht. Und wenn es den Menschen gut geht, geht es auch der Firma gut. Das ist mein Credo.“

Deshalb gibt es bei Hirschalm zwar keine 10 Gebote, dafür aber „Goldene Regeln“. Sie sind sehr einfach und praxisnah: „Wir reden miteinander und nicht übereinander.“ Und: „Wir sind immer charmant und offen.“ „Wir treffen umweltbewusste Entscheidungen.“ „Unsere Sicherheit und unsere Gesundheit haben oberste Priorität.“ Und ganz oben steht: „Freu Dich!“

„Jesus ist für mich das Wichtigste in meinem Leben. Im Vorfeld von privaten und beruflichen Entscheidungen frage ich mich: Was würde Jesus in meiner Situation tun? Ich habe zu ihm eine ganz enge Beziehung, in die ich großes Vertrauen setze“, beschreibt Merckens seine religiösen Gefühle. „Manchmal kommt es mir vor, als würden wir Menschen große Pläne machen, und Gott lacht darüber. Das ist sehr befreiend und nimmt uns die Last.“

Neben der Arbeit ist der niederösterreichische Unternehmer auch im Pfarrgemeinderat von St. Veit an der Gölsen aktiv. Sonntags geht die Familie mit den vier Kindern in den Gottesdienst, das Beten vor den Mahlzeiten ist ein selbstverständliches Ritual. Aber es herrscht der Geist der Freiheit. „Unsere zweitälteste Tochter ist in der Pubertät. Wir kämen nicht auf die Idee, sie an den Ohren in die Kirche zu ziehen. Religiöse Inspiration kommt von innen – man kann das niemandem aufzwingen“, sagt Merckens.

Im Arbeitsalltag nimmt sich der mittelständische Unternehmer immer wieder kleine Auszeiten, um auf die Stimme Gottes zu hören. Einen Trick hat er sich von den Jesuiten abgeguckt. Er trägt in der Hosentasche eine Handvoll getrockneter Erbsen. „Immer wenn ich etwas sehe, für das ich Gott dankbar bin, wechsle ich eine Erbse von der linken in die rechte Hosentasche. Dieses kleine Ritual erinnert mich daran, wie viele erfüllte Momente es gibt und was die wirklich wichtigen Dinge im Leben sind.“

Es hat lange gebraucht, bevor ein anderer Unternehmer für sich selbst den Weg zu den wirklich wichtigen Dingen gefunden hat. Ernst Gugler (58) hat in Melk an der Donau ein Druck- und Medienhaus aufgebaut, das in punkto Nachhaltigkeit weit über Niederösterreich hinausstrahlt. Gerade wurde auf 1500 Quadratmetern eine neue Produktionshalle errichtet, im Plus-Energie-Standard, mit Solarenergie auf dem Dach und fast vollständig aus Recyclingmaterialien errichtet. Und der gesamte Produktionsprozess ist „cradle to cradle“ inspiriert. Das heißt: Die gesamte Wertschöpfungskette vom Rohstoff bis zum Verbleib des Produktes ist auf einen geschlossenen Stoffkreislauf ausgerichtet.

Gugler hat eine Karriere nach dem Drehbuch vom Tellerwäscher zum Millionär hingelegt. Er stammt aus einem einfachen Elternhaus, mit einem alkoholkranken Vater und einem Umfeld, in dem es „kein Resonanzfeld für Gott und Lebenslust“ gab, erinnert er sich. Nach der Schule, ohne Matura, fing er als Hilfsarbeiter in einer Druckerei an, machte eine Lehre zum Siebdrucker und arbeitete sich langsam nach oben. Es waren die bewegten 80er, als auch in Österreich viele Jugendliche politisiert waren für Ökologie und Umweltschutz und das geplante Atomkraftwerk Zwentendorf in Guglers niederösterreichischer Heimat ein Symbol für einen unverantwortlichen Umgang mit den Lebensgrundlagen darstellte.

Eines Tages sah Gugler in einem Schaufenster ein Schild: „Druckerei zu verkaufen“. Gemeinsam mit seiner Frau lieh er sich 400.000 Schilling (heute 30.000 Euro) und startete das Abenteuer, Unternehmer zu sein. „Von Anfang an war es mein Bestreben, den gesamten Produktionsprozess zu ökologisieren“, sagt Gugler. Der World Wildlife Found (WWF) gehörte zu den ersten Kunden. Und danach ging es steil bergauf. „Wir haben expandiert und expandiert. Ich wollte mehr, mehr, mehr. Aber ich konnte den Erfolg nicht wertschätzen. Es kam mir immer zu wenig vor. Ich bin einer Anerkennung hinterhergelaufen, die ich wohl im Elternhaus nie bekommen habe.“

2008 steht er kurz vor dem Zusammenbruch, er wälzt sich durch schlaflose Nächte, macht sich Sorgen über Sorgen. „Es gab nur die Arbeit, die Firma, die Familie und ganz am Schluss der Kette war ich.“ In dieser Zeit macht er sich auf die Suche nach etwas, was ihn zum Licht führen könnte. Dieser Weg führt ihn zu Kai Romhardt, einem spirituellen Meister und Dharma-Lehrer. Durch ihn öffnet sich das Tor zum Zen-Buddhismus und zur Meditation. „Es tat sich eine neue Welt für mich auf“, erinnert sich Gugler.

Die Begegnung mit einer höheren Bewusstseinsebene, das tägliche Meditieren, das Singen von Mantras, die stille Einkehr und das Zulassen von Leere bewirkten eine tiefe Veränderung in Guglers Leben. Heute kann er von sich sagen: „Ich habe das Recht, sein zu können, ohne dafür etwas leisten zu müssen.“ Ein langer Weg hin zu einem banal erscheinenden Bekenntnis liegt hinter ihm.

Für Gugler ist es dennoch eine „ständige Gratwanderung“, einerseits als alleiniger Eigentümer ein Unternehmen mit über 100 Mitarbeitern in einem hart umkämpften Markt zu führen, andererseits sich dem ständigen Wettbewerb geistig zu entziehen und loslassen zu können. Am Anfang war es auch intern ein schwieriger Prozess, erinnert sich Gugler. „Da gab es Kopfschütteln, als ich plötzlich einen ‚Raum der Stille‘ eingerichtet habe und so a bissl missionarisch unterwegs war. Aber mittlerweile gibt es immer mehr Mitarbeiter, die mich stärken und die auch an der Yogaklasse teilnehmen, die ich jeden Freitag bei uns anbiete.“

Nach der Phase der Ökologie und Nachhaltigkeit will Gugler sein Unternehmen jetzt in eine neue Entwicklungsstufe führen. Er will das Prinzip des „achtsamen Wirtschaftens“ in seinem Unternehmen und mit seinen Kunden umsetzen. Es geht dabei um eine „Wirtschaft, die einen positiven Beitrag zu unserem Lebensglück schafft“, wie es in im Unternehmensnetzwerk „achtsame Wirtschaft“ heißt.

Noch hat die neue Vision keine Gestalt angenommen, wie das Unternehmen Gugler an die Kunden herantritt. Aber Ernst Gugler ist sich sicher. „Wir wollen, dass Gott auch auf unserer Website spricht. Wir wollen Menschen verbinden und die Herzen berühren. Das ist meine Mission.“

Eine weniger emotionale Mission hat Ahmet Kudsi Arslan, seit Sommer 2016 Vorstandsvorsitzender der KT Bank AG mit Sitz in Frankfurt/Main, die im gesamten Euroraum und damit auch in Österreich Bankgeschäfte nach islamischem Recht anbietet. Die Muttergesellschaften des Bankhauses sind in der Türkei und Kuwait beheimatet. „Der Antrieb eines jeden Gläubigen sollte die Erlangung der Zufriedenheit Gottes sein“, sagt Arslan. „Und der Weg dorthin führt über die vielen tugendhaften Dinge im Leben. Im Gebet um Rechtleitung durch Gott zu bitten, das ist auch eine Art Inspiration“, sagt der CEO.

Wie andere islamische Banken auch betreibt die KT Bank keinen verzinslichen Geldverleih. Der Fokus liegt auf der Realwirtschaft. Investitionen in Glücksspiel, Alkohol- oder Tabakindustrie, Pornografie-Erzeugnisse, Rüstungsgüter sowie die Verarbeitung von Schweinefleisch sind verboten. „Es ist uns wichtig, dass die Menschen, die hier arbeiten, unser Geschäftsmodell unterstützen, obwohl nicht jeder ein Muslim sein muss“, betont Arslan. Noch ist nicht klar, ob die KT Bank mit dieser religiösen Ausrichtung auch ökonomisch ein Erfolgsmodell in einem säkularen Umfeld wird. „Wir haben einen regen Kundenzulauf“, sagt Ahmet Kudsi Arslan. Inschallah. So Gott will.