Bis ins anonyme Treppenhaus dringt das schwere Aroma der Räucherstäbchen. Hinter der weiß lackierten Tür „Dr. Ulrich Bauhofer, Termine nach Vereinbarung“ empfängt eine Rezeptionskraft, die es mit der Flughöhe jeder Vorstandssekretärin aufnehmen könnte. Im eleganten Wartezimmer serviert sie gelblichen Tee vor einem Monumentalfoto aus dem Atelier Peter Lindbergh – irgendein Super-Model mit ernst geschlossenen Augen. Nach angemessener Wartezeit erscheint der Doktor selbst, Typ „Kojak“, in zerschlissenen Jeans und weißen Sneakers, Schnürsenkel offen – seines Zeichens Ayurveda-Arzt seit 37 Jahren und Experte für Transzendentale Meditation, kurz TM.

Hierher schleichen sich also Vorstände, um ihre innere Verwirrung zu behandeln? In dieser dunklen Gasse der Münchner Altstadt fahren die Limousinen vor und spucken Menschen aus, die sich verloren haben – Manager, Künstler, Fußballstars? Wir wissen es nicht, denn Bauhofer unterliegt natürlich der ärztlichen Schweigepflicht.

Energiemanagement steigert die persönliche Produktivität

Entschleunigung, Energiemanagement, mentale Regeneration – das sind die aktuellen Buzzwords. TM oder die Konkurrenzveranstaltung MBSR (für Mindfulness-Based Stress Reduction) – das sind die Mittel der Wahl, die nicht nur dem Manager, sondern auch dem gesamten Unternehmen nützen, sofern sie regelmäßig und auf breiterer Front eingesetzt werden.

Ob mittels Transzendenz oder Achtsamkeit – die Logik geht ungefähr so: Wem es mental besser geht, der ist produktiv und souverän. Wer voller Energie und Aufmerksamkeit steckt, der hat auch gute Ideen. Und wer gut drauf ist, kann gut führen. Sollen österreichische Unternehmen also Meditation zum Teil ihrer Kultur erklären? Hängt an der Gesundheit des Führungspersonals vielleicht die Zukunft der gesamten Firma?

Amerika, genauer Kalifornien, macht es wieder einmal vor. In Österreich sind bisher kaum Beauftragte für Well-being bekannt, so wie es sie bei Google gibt, wo den Mitarbeitern hochoffiziell geraten wird, in ihrem Innern nach Glück und Inspiration zu suchen. Österreichische Personaler und Organisationswissenschaftler sind zumindest hellhörig geworden. Am 4. Salzburger Achtsamkeitsforum im Juni referierte der bekannte Neurobiologe Professor Gerald Hüther über „Potentialentfaltung in Gemeinschaften“ und gab vor 600 Teilnehmern einen Einblick in den Zusammenhang von Achtsamkeit, Würde und Begegnung vor dem Hintergrund der Digitalisierung. „Viele Führungskräfte und Mitarbeiter leiden darunter, die 1.000 Themen, Deadlines und Meetings im Kopf gedanklich vorzubereiten und auch nachzubereiten“, weiß Johann Narbeshuber, Vorstandmitglied der Trigon Entwicklungsberatung, die auch Mitveranstalter des Forums ist. „Eine Fülle von Denkinhalten, kreisen im Kopf und halten davon ab, sich auf das zu konzentrieren, was gerade da ist: Gesprächspartner und fällige Entscheidungen. Da ist Achtsamkeit der zentrale Hebel, um gute Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, richtige Entscheidungen zu treffen und zur Verfügung zu stehen.“

Yoga und Meditation bei Infineon in Villach

Auch die Top-Entscheider sind sensibilisiert. Auf dem Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos hat MBSR-Erfinder Jon Kabat-Zinn schon mehrfach morgendliche Meditationsrunden abgehalten, die sich großer Beliebtheit erfreuten. Der emeritierte Molekularbiologe kann sich zugutehalten, die Meditation vor fast 40 Jahren von allem religiösen und esoterischen Beiwerk befreit zu haben. Das von ihm gegründete Center for Mindfulness an der Medical School der University of Massachusetts gilt als hochseriöse Institution.

Aber sind herkömmliche österreichische Führungskräfte überhaupt bereit für Erlösung durch Achtsamkeit? Immerhin: Bei der Infineon Technologies Austria AG mit Hauptsitz in Villach gehören Meditation, Yoga oder therapeutische Massagen zum Angebot für alle Mitarbeiter. In den USA nutzen die Lenker der Wirtschaft das schon länger offensiv: Der verstorbene Steve Jobs (Apple) zog Inspiration und Intuition aus der Meditation. Ray Dalio (Gründer des Hedgefonds Bridgewater) fand Kreativität und Offenheit jenseits vom eigenen Ego. Medienzar Rupert Murdoch twitterte vor vier Jahren: „Versuche gerade TM, der Anfang ist nicht einfach.“

Johann Narbeshuber weiß: „In Österreich fehlen noch die Vorreiter, die flächendeckend das Thema besetzen. Im Bankenbereich bieten Unternehmen wie die Erste, die Raiffeisengruppe und die Sparkassenakademie ‚mindful leadership‘ für Führungskräfte an. Aber auch bei Semperit, Red Bull und einigen kleineren Unternehmen gibt es solche Angebote.“

Marathon scheint salonfähig, Atmen in der Stille eher nicht

Gängige Praxis scheint solche Offenheit allerdings noch nicht zu sein in den meisten Unternehmen. Durchgestellt wird man ohnehin nicht, wenn man die Firmenlenker zu diesem Thema befragen möchte. Selbst schriftliche Zitate sind tabu. Ihre Kommunikatoren mauern, als ginge es um Geschäftsgeheimnisse: „Dazu sagen wir lieber nichts“, so oder ähnlich lautet die Auskunft. Dass der viel beschäftigte Chef sich Zeit nimmt für seine geistige Gesundheit, gehört vielleicht nicht ins Bild. Marathon scheint salonfähig zu sein, Atmen in der Stille dagegen nicht. „Die Leute machen das mehr für sich persönlich“, meint Ayurveda-Arzt Bauhofer, bei dem man für 1.000 Euro netto eine Einzelunterweisung plus drei Mal Üben in der Gruppe buchen kann.

Für normale Arbeitsbienen in ihren Großraumbüros ist das wohl ohnehin keine Option. „Wir wissen aus der Innovations- und Kreativitätsforschung, dass wir nur dann zu Durchbrüchen kommen und spannende neue Ergebnisse erzielen, wenn wir als ganzer Mensch präsent sind, wenn von unserem Gehirn und Nervensystem viele Regionen involviert und aktiv sind und nicht nur der analytische, kognitive sprachbegabte Teil, sagt Achtsamkeits-Experte Narbeshuber. „Oft fahren wir nur sehr schmalspurig auf dieser Ebene dahin und lassen andere wesentliche Ebenen außen vor.“

Britta Hölzel packt die Männer beim Verstand. Natürlich kommen auch Führungsfrauen zu ihren Firmen-Trainings, doch die sind anfangs meist ähnlich kopfgesteuert. So beginnt Hölzel, Diplom-Psychologin und Hirnforscherin, geschult bei Kabat-Zinn persönlich, ihre Übung stets mit einem Vortrag über die Wirkungen der Meditation auf das Gehirn.

„Die wissenschaftlichen Erkenntnisse helfen den Teilnehmern, sich dem Thema zu nähern und Missverständnisse abzubauen“, sagt Hölzel. Wenn sie die Ergebnisse aus ihren Kernspins zeigt, nach denen durch Meditation die graue Struktur im Hippocampus dichter und der präfrontale Cortex besser durchblutet wird, können die Manager das nachvollziehen. Bessere Verarbeitung und Speicherung von Informationen, bessere Regulierung von Gefühlen und Stress, mehr Kreativität – wer will das nicht?

Danach folgen die Übungen der Stille – aber andere als bei Bauhofer und seinen Räucherstäbchen. Geht es bei TM tatsächlich eher um Versenkung und das Wiederholen eines Mantras, so hat MBSR das Ziel, genau und sehr aufmerksam hinzuschauen: auf die eigenen Bedürfnisse, Ängste und Blockaden. Nicht sich verlieren, sondern sich spüren – das ist hier Programm.

Nebenwirkung Empathie

Und zwar nicht allein für ein persönliches Wohlfühlgefühl: „Etwas Gutes zu bewirken, ist integraler Bestandteil der Achtsamkeit“, sagt Hölzel. Passenderweise hat Tanja Singer, Direktorin des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, in Studien herausgefunden, dass Meditation auch noch die Empathie stärkt, also das Mitgefühl für andere.

„Es gelingt tatsächlich, das ins Leben zu bringen, in den Alltag“, ist Hölzel nach ihren Trainings überzeugt. Wer den Autopilotenmodus abschaltet und sich wieder lebendig macht, der kann danach „aus einem anderen Raum heraus“ handeln und gewinnt „große Klarheit“. Wer sich so regelmäßig um sich selber kümmere, der könne auch seiner Umwelt, seinen Mitarbeitern anders begegnen.

Empathische, kreative Manager, die sich nicht von ihren Ängsten treiben lassen und ihr Ego mal hintanstellen? Klingt zu schön, um wahr zu sein. Doch der Sinneswandel hat begonnen – schon aus Eigeninteresse der Unternehmen. Dass in Zeiten der Digitalisierung andere Führungspersönlichkeiten gebraucht werden, dass klassische Hierarchien und bewährte Denkmuster ausgedient haben, dass Start-up-Kultur nicht im Hamsterrad entsteht, das ist den meisten Unternehmen inzwischen bewusst.

Esther Narbeshuber, die mit ihrem Mann in Salzburg das Mindful Leadership Institut betreibt, wird jedenfalls nicht wie früher gleich hochkant rausgeschmissen, wenn sie bei Unternehmen akquiriert. Auch sie hat wissenschaftliche Studien in petto: So verwies das Institute for Brain and Cognition an der holländischen Universität Leiden schon 2012 auf einen klaren Zusammenhang zwischen Meditation und Kreativität.

Der Effizienzgedanke ist legitim

Aber stellen Berater wie die Salzburger die uralte Kulturtechnik der Meditation nicht allzu unbekümmert in den Dienst von bösen Ausbeutern, die aus ihren Mitarbeitern nur noch effizientere Leistungsmaschinen machen wollen? „Der Effizienzgedanke ist legitim“, widerspricht Esther Narbeshuber. „Wenn ich etwas gegen hohe Burnout-Raten tun will, wenn ich die klassische Führungskräfte-Entwicklung erweitere und verbessere, ist das eine gute Sache.“

Johannes Narbeshuber entwickelt mit Führungskräften pragmatische, alltagstaugliche Strategien, die bei Folgendem helfen: Überhaupt mal regelmäßig Innehalten für einen kurzen Check-in mit sich selbst. „Es geht darum, festzustellen, wie bin ich gerade unterwegs? Das Fatale ist oft, dass wir in Stresssituationen zum Verhalten ‚Augen zu und durch‘ neigen, Powern ohne Ende, und merken dann am Abend vor dem Einschlafen, dass wir das Gedankenkreisen und die Verspannung nicht mehr los bekommen“, sagt er.

Schon kleine Techniken können dabei helfen, Situation voller Druck, Angespanntheit und Überreiztheit zu erkennen und wieder klar zu werden im Kopf.Dabei müsse jeder für sich herausfinden, was genau für ihn gut funktioniert. Vielleicht das sogenannte „Journaling“ – vier Minuten, in denen man zwei Minuten lang aufschreibt, was einen durch den Kopf geht, nach dem Motto: „Mich ärgert gerade, dass …“, und danach notiert: „Ich freue mich darüber, dass …“ Dabei muss die Erleuchtung nicht immer aus Fernost kommen. Schon in der Bibel steht ja: „Selig sind, die arm im Geiste“ – womit nicht intellektuell Minderbemittelte gemeint sind, sondern Menschen, die ihre Gedanken zur Ruhe bringen können.

Und selbst die Vertreter der Weimarer Klassik hatten das Wissen noch. „Die beste Freude ist“, schrieb einst Johann Wolfgang von Goethe, „Wohnen in sich selbst.“