Für Wolfgang Anzengruber, CEO der Verbund AG, Österreichs staatlichem Energieversorger, liegt in der Digitalisierung mehr Chance als Risiko. Er ist überzeugt, der Megatrend könne seiner Branche helfen, nicht nur neue Produkte zu kreieren, sondern auch neue Beziehungen zu gestalten: „Der Kunde ist immer öfter auch Produzent, und der will keinen Strom, sondern dessen Nutzung kaufen. Die nackte Kilowattstunde ist tot“, postuliert er. Kunden, ob im Haushalt oder in der Industrie, verlangen stattdessen Convenience. Und die könne nur über neue Technologien angeboten werden. „Die Digitalisierung gibt uns die Möglichkeit, die Geschäftssysteme zu verändern und stärker an den Markt anzupassen.“ Gleichzeitig warnt Anzengruber vor neuer Konkurrenz: „Es sind Wettbewerber dazugekommen, die keine Energieversorger sind. Sie können heute Strom verkaufen und brauchen kein Kraftwerk dazu. Das ist ein Mindshift in einer Branche, die gewohnt war, sich in langen Zyklen zu entwickeln.“ Mit neuen Produkten und Services stellt sich die Verbund AG darauf ein.

Genau mit diesem Umdenken tut sich die Branche offenbar noch schwer. Zwar nehmen 76 Prozent der Energieversorger eine Bedrohung durch branchenfremde Akteure wahr. Doch ein Großteil der Energieversorger richte die Unternehmensstrategie nur geringfügig danach aus, so das Fazit der aktuellen PwC-Studie „Österreichs Energiewirtschaft im Fokus – Die Branche im Umbruch“. Dazu hat PwC 150 österreichische Unternehmen aus der Energiewirtschaft sowie der energieintensiven Industrie zu den wichtigsten Wachstums- und Trend-Themen befragt. „Bis jetzt gelingt es der Branche nicht, auslaufende Geschäftsmodelle und sinkende Erträge durch neue Ideen zu kompensieren“, attestiert Michael Sponring, Leiter Power & Utilities bei PwC Österreich. „Die Digitalisierung wird die energiewirtschaftliche Wertschöpfungskette in den nächsten Jahren umkrempeln. Aber die Energieversorger erkennen angesichts der Herausforderung, den Wandel hin zu einem modernen Energiedienstleister zu vollziehen, oft noch nicht alle Chancen und Risiken.“

Die konsequente Neuausrichtung des Konzerns trägt inzwischen Früchte. 2016 spülten Assistenzsysteme und die dazugehörende Sensorik Conti schon rund eine Milliarde Euro in die Konzernkasse. Bis 2020 soll die Schwelle von zwei Milliarden Euro überschritten sein – das wäre eine Verdoppelung in nur fünf Jahren. Degenhart wird dann umgesetzt haben, was er von Management-Papst Peter Drucker gelernt hat: „Jedes Unternehmen wird lernen müssen, permanent innovativ zu sein.“

Das birgt für die Unternehmen erhebliche Gefahren, konstatiert etwa Professor Werner Hoffmann, Vorstand des Instituts für Strategisches Management an der Wirtschaftsuniversität Wien. „Es kommt zu einer Migration des Gewinnpools weg von der Energieerzeugung und -verteilung hin zur Energiespeicherung und zur smarten Steuerung der Energieströme sowie zu Anbietern spezifischer Problemlösungen“, sagt der Professor. Und damit einher werde wohl auch die „Wanderung“ der Gewinne hin zu neuen Marktteilnehmern und Anbietern innovativer Dienstleistungen und Geschäftsmodelle gehen.

So ist es seit der Liberalisierung für Stromlieferanten möglich, den Strom an der Börse zu beziehen und an Endkunden zu verkaufen. Folglich können nun auch branchenfremde Unternehmen ohne eigene Stromerzeugungsanlagen als Stromhändler auftreten. Die Easybank ist mit der easy green energy GmbH & Co KG ein gutes Beispiel für einen branchenfremden Marktteilnehmer. Ebenso gibt es einige Start-ups, wie aWATTar oder Sturm Energie, die ebenfalls neu in den Markt eingetreten sind. „In Zukunft könnten auch Konzerne wie Amazon oder Google, in Amerika bereits erfolgreiche Windenergieerzeuger, in den österreichischen Markt einsteigen. Ihr Potenzial zeigen sie bereits mit ihren Behind-the-Meter-Applikationen“, so PwC-Energieexperte und Studienautor Mathias Mayer. Laut PwC-Studie erachten 80 Prozent der Stromlieferanten Kooperationen und 70 Prozent die Ausweitung des eigenen Produktportfolios als einen guten Ansatz, um sich gegen branchenfremde Akteure zu wappnen. Zukäufe von Newcomern oder Fusionen werden von Stromlieferanten hingegen nur bedingt als geeignetes Mittel gesehen und erhielten in der Studie jeweils nur 17 Prozent Zustimmung.

Großer Nachholbedarf bescheinigt die Studie der Energiebranche beim Kernthema Big Data. Obwohl Entwicklungen wie Smart-Meter, Smart-Grids oder virtuelle Kraftwerke die verfügbaren Daten vervielfachen werden, gibt ein Drittel der befragten Stromlieferanten an, dass die Speicherung von Daten für Analysezwecke nach wie vor im eigenen Unternehmen nicht vorgesehen ist. Knapp ein Viertel speichert bereits Daten zu Analysezwecken. Immerhin beabsichtigt ein weiteres Drittel der Stromlieferanten, in den kommenden drei Jahren nachzuziehen. Die österreichischen Netzbetreiber haben sich bereits mehr mit der Digitalisierung auseinandergesetzt: Etwa jeder zweite Netzbetreiber speichert bereits jetzt Daten zu Analysezwecken. Weitere 30 Prozent der Netzbetreiber wollen in den nächsten fünf Jahren eine gezielte Datenspeicherung einführen.

„Daten alleine bringen allerdings noch keinen Mehrwert. Es bedarf der gezielten Analyse der verfügbaren Daten, um ein verbessertes Kundenverständnis zu erhalten“, so PwC-Energie-Experte Sponring. „Zusätzlich können diese Daten auch zur internen Prozess- und Kostenoptimierung herangezogen werden.“ Die Möglichkeiten der Datenanalyse demonstriert das Beispiel des 2007 gegründeten US-Unternehmens Opower, das Energieversorgern eine umfassende Softwarelösung für die Analyse von Kundendaten anbietet. Damit können deren Kunden den eigenen Energieverbrauch besser verstehen und erhalten personalisierte Rückmeldungen. Den Kern ihres Produktes stellt eine Cloud-basierte Plattform dar, welche von über 100 EVUs genutzt wird. Dabei werden die Daten von rund 60 Millionen Endverbrauchern analysiert und ausgewertet. Energieversorgern ist es dadurch möglich, Energieeffizienzziele proaktiv zu erreichen, Servicekosten zu verringern und die Kundenzufriedenheit zu erhöhen.

Wie schnell neue Technologien den Energiemarkt heute revolutionieren können, belegt das Beispiel Blockchain. Via einer Blockchain könnte etwa Strom automatisiert bilateral zwischen Erzeugern und Verbrauchern per Algorithmus gehandelt werden. So wäre es möglich, dass einzelne Marktfunktionen, wie Clearingstellen und Energielieferanten, durch Blockchain-Technologie ersetzt werden. Die Blockchain fungiert somit als Handelsplattform, in der die Daten dezentral gespeichert sind. Nach der Finanzwelt erobert diese Technologie zunehmend auch den Energiesektor. „Blockchain ist eine sehr junge Technologie, die zwar noch einige Schwachstellen aufweist, sich jedoch schnell entwickelt und in verschiedensten energiewirtschaftlichen Anwendungsbereichen großes Potenzial hat“, ist Michael Sponring überzeugt.

Ein weiterer Technologietreiber der Energiebranche ist der Mobilitätssektor, speziell das Feld Batteriespeicher. Nicht nur beabsichtigen laut PwC-Studie 50 Prozent der befragten Industrieunternehmen, bis 2020 Elektroautos in den Fuhrpark aufzunehmen. Sondern auch im Haushaltsbereich mehren sich aufgrund fallender Produktionskosten die Angebote für Batteriespeicherlösungen. Durch die Dezentralisierung der Stromerzeugung wird die Bedeutung von Stromspeichern in Zukunft weiter zunehmen und Auswirkungen auf die bisherigen Geschäftsmodelle der etablierten Energieversorger haben. „Für die Energiewirtschaft ergibt sich daraus großes Marktpotenzial. Stromlieferanten können beispielsweise aufgrund ihrer direkten Kundenkontakte Stromspeicher vertreiben sowie diese in deren virtuellen Kraftwerken bewirtschaften“, sagt Michael Sponring. Einen ebenso großen Zukunftsmarkt stelle der Verkehrssektor mit der anstehenden Substitution von fossilen Brennstoffen durch Elektroantriebe dar.

Die Wien Energie GmbH hat sich darauf bereits eingestellt. Sie treibt seit einigen Jahren den Ausbau der Ladestelleninfrastruktur voran und verfügt mittlerweile über 400 Ladepunkte in der Bundeshauptstadt. Ziel des Unternehmens ist es, durch eine schrittweise Vernetzung der Ladeinfrastruktur mit anderen Energieanbietern Österreichs, Kunden in naher Zukunft die Möglichkeit zu bieten, ihr E-Fahrzeug bundesländerübergreifend laden zu können. „Auch die Automobilindustrie liefert hier einen wertvollen Beitrag und zeigt reges Interesse am weiteren Ausbau der Ladeinfrastruktur“, schildert Peter Gönitzer, Geschäftsführer der Wien Energie GmbH. „Daher sind wir bereits einige Kooperationen mit Automobilherstellern eingegangen. Beispielsweise bestehen Kooperationen mit BMW, ChargeNow, Porsche und Think Blue.“

Noch kein Mittel gefunden hat die Branche gegen den seit fünf Jahren anhaltenden Sinkflug der Strom-Großhandelspreise, auch wenn sich diese zuletzt etwas erholt haben. Dennoch gehen 74 Prozent der Industrie und 70 Prozent der Stromlieferanten davon aus, dass sich die Strompreise in Zukunft erhöhen werden. Grund dafür könnten höhere CO2-Kosten oder ein Preisanstieg der fossilen Rohstoffe sein. Unabhängig davon dürften die bestehenden Tarifmodelle dabei erodieren, weil sie den zukünftigen Anforderungen der Kunden und den geänderten Marktbedingungen nicht mehr entsprechen. 39 Prozent der befragten Industrieunternehmen und 37 Prozent der Stromlieferanten halten daher die Einführung einer Energieflatrate bis 2020 für wahrscheinlich. Ein großes Thema werde dabei die Ausgestaltung von Anreizsystemen sein, damit eine potenzielle Flatrate nicht zu unnötigem Stromverbrauch führt, stellt PwC-Energieexperte und Studienautor Mathias Mayer fest.

Ganz gleich, welche Modelle und Technologien sich am Ende durchsetzen – letztendlich habe seine Branche nur zwei Möglichkeiten, um in der Gunst der Kunden vorne zu bleiben, glaubt Verbund-CEO Anzengruber: „die Regeln bestimmen oder sie brechen“. Dazu brauche es Mut zum Paradigmenwechsel oder wie es im digitalen Zetalter heißt: zur Disruption.