Dominik Terruhn war begeistert: „Die Sonne scheint, alles so schön bunt hier auf dem Google-Campus und in der Facebook-Cafeteria kann man umsonst essen.“ Doch nicht nur die touristischen Eindrücke im Silicon Valley blieben bei ihm haften.

Der Geschäftsführer und Partner der Münchner Serviceplan Gruppe, Deutschlands größter familiengeführter Werbeagentur mit 3.000 Mitarbeitern, bekam zusammen mit seinen acht mitgereisten Kollegen auch eine völlig neue Perspektive auf die Entwicklung der digitalen Medienwelt geboten. Bei Google etwa präsentierte der Chefentwickler der Suchmaschine die neusten Entwicklungen. Besonders angetan hat es ihm die Google-Philosophie des „10 ד : Es ist total überflüssig zu versuchen, Dinge um 10 Prozent besser zu machen – man muss versuchen, sie 10 × besser zu machen, größer und schneller als alles, was es bisher gab. „Im Valley“, resümmiert Terruhn eine grundlegende Reiseerfahrung, „wollen alle die Welt grundlegend verändern und sie haben die feste Überzeugung, das auch zu tun.“

Lerneffekte wie diesen und manches mehr versprechen sich inzwischen auch zahlreiche österreichische Politiker, Unternehmer und Manager. Frei nach dem Motto des Hape-Kerkeling-Bestsellers „Ich bin dann mal weg“ pilgern sie in den Sunshine-State Kalifornien. Eine 20-köpfige Delegation österreichischer IT-Start-ups, Konsulenten, Inkubatoren und Investoren reiste im vergangenen Februar im Rahmen der Zukunftsreise „Wie tickt das Silicon Valley?“ nach San Francisco und ins Silicon Valley. Sie erfuhren, wie Business-Beschleuniger wie Plug & Play Tech Center, Founders Space, Rocket Space oder US Mac funktionieren, lernten von Cisco Systems und Intel, wie deren „Open Innovation“-Programme arbeiten, und erhielten wertvolles Feedback von Mitgliedern der Sand Hill Angels, die Kurzpräsentationen der IT-Start-ups analysierten.

Auf der Stanford University erhielt die Gruppe weitere Tipps zur Funktionsweise des Silicon-Valley-Ökosystems sowie Innovationsstrategien der Großfirmen. Emanuel Pirker, CEO der österreichischen Firma Stratodesk, einem erfolgreichen „Go Silicon Valley“-Abgänger, der sich in San Francisco niedergelassen hat, plauderte aus seinem reichen Erfahrungsschatz zum US-Markteintritt. Plug & Play Tech Center, einer der Partner-Accelerator der Wirktschaftskamer Österreich (WKÖ), stellte in einer Pitchingsession das umfangreiche Mentorenprogramm des Accelerators vor. Letzteres verfügt mit mehr als 350 Start-ups und 300 Unternehmenspartnerschaften über ein einzigartiges Start-up-Ökosystem und ist Ko-Investor und Partner von 180 führenden Wagniskapitalfirmen. Aus dem Netzwerk hervorgegangen sind Unternehmen wie Dropbox, Lending Club, PayPal, SoundHound und Zoosk.

Außenminister Sebastian Kurz hatte schon im April des Vorjahres gemeinsam mit österreichischen Start-up-Unternehmerinnen und Unternehmern das Silicon Valley besucht. Resultat dieser Reise war die Eröffnung einer österreichischen Präsenz vor Ort im Oktober 2016. „Das mutet teilweise schon wie eine Klassenfahrt an“, schmunzelt Rudolf Krickl, Partner und Experte für Familienunternehmen bei PwC Österreich. „Immerhin ist Österreich seit 2009 als erstes europäisches Land dort mit der „Go Silicon Valley“-Initiative vertreten“, so Rafael Rasinger, Außenwirtschaftsexperte der Wirtschaftskammer Österreich. Die nächste einwöchige Unternehmerreise der Initiative startete Ende Januar 2017.

Zudem bietet die Außenwirtschaft Austria 13 ausgewählten österreichischen Unternehmen – darunter die AR4 GmbH aus der Steiermark, die VIPR Tec aus Niederösterreich und die Smart Engine GmbH aus Wien – die Chance, ein ein- bis dreimonatiges Geschäftsanbahnungsprogramm ab 1. 4. 2017 bei einem Business Inkubator/Accelerator im Silicon Valley zu absolvieren und an die Erfolge vergangener Programme anzuknüpfen. Im Zuge der Internationalisierungsoffensive go-international, einer Initiative des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft und der Wirtschaftskammer Österreich, wird österreichischen KMUs der Einstieg in den US-Markt der IT-Branche und der Zugang zu Risikokapital ermöglicht. Nach einer mehrstufigen Auswahl durch eine US-Jury und österreichischen Finanz- und Industrieexperten kann das Unternehmen ein bis drei Monate lang das umfangreiche Serviceangebot des Partner-Business-Inkubators/Accelerators in Kalifornien in Anspruch nehmen. „Unternehmen, die daran teilnehmen, sollten sich im Vorfeld aber bestens vorbereiten und genau wissen, welche Ziele sie vor Ort verfolgen“, empfiehlt Experte Rasinger.

Viele Unternehmen entdecken die Licht- und Schattenseiten des Valley aber auch gern auf eigene Faust und landen dann früher oder später bei Veranstaltern wie Mario Herger: „Inzwischen kommen mehrere Tausend Manager jedes Jahr aus Europa hierher“, weiß der ehemalige SAP-Entwicklungsleiter und Autor („Das Silicon-Valley-Mindset“), der seit 2001 vor Ort lebt. Für die zunehmende Besucherschar hat er den Reisedienst Silicon Valley Inspiration Tours mitgegründet.

Wer allerdings hofft, bei einer solchen Rundfahrt auf Anhieb einen Kaffee mit Facebook-Chef Mark Zuckerberg oder Tesla-Gründer Elon Musk schlürfen zu können, wird schnell eines Besseren belehrt. Der Forderung von Unternehmern oder Politikern, ein Treffen mit den Köpfen von Apple, Facebook, Tesla oder Google zu organisieren, steht Herger zwar regelmäßig gegenüber. Seine lakonische Antwort: „Wenn Sie nicht Angela Merkel heißen – keine Chance!“ Damit sie dann wenigstens das begehrte Foto vor dem Firmen-Logo ergattern, wurden selbst schon hochrangige deutsche Delegationen – inklusive Minister – gesichtet, die im Bus vor dem Apple-Campus in Cupertino anrollten und so lange Erinnerungsfotos schossen, bis sie von der Security vertrieben wurden.

Fruchtbarer ist da schon das Vorgehen von Telekom-Chef Timotheus Höttges. Vor seinem Amtsantritt an der Spitze der Deutschen Telekom absolvierte er sechs Wochen das „Executive Program“ für Topmanager aus aller Welt an der Stanford University. Genau dort, wo einst Larry Page und Sergey Brin die Idee zu Google entwickelten. „Ganz schön stressig! Seit Sonntagabend diskutieren wir mit Professoren und Managern aus 42 Ländern Unternehmensstrategien weltweit agierender Unternehmen. Auch Chefs müssen immer weiter lernen“, kommentierte Höttges den Ausflug mit neuer kalifornischer Lässigkeit in seinem Blog. Seither fährt er zweimal jährlich ins Silicon Valley, wo er mit Apple-Chef Tim Cook und Facebook-Gründer Mark Zuckerberg tatsächlich Kaffee trinkt, aber auch handfeste Geschäfte aushandelt, wie die engere Zusammenarbeit mit Apples Musik-Streaming-Dienst Apple Music.

Andere Firmenchefs gehen da wesentlich blauäugiger zu Werke, erlebt zumindest die Deutsche Auslandshandelskammer vor Ort. „Wir wollen mal erfahren, wie die Innovation so machen und so ein bisschen Digitalisierung. Das können die ja da im Valley“, fasst Rene van den Hövel, Managing Director im German American Chamber of Commerce for the Western United States in San Francisco, öfters gehörte Anforderungen an einen Silicon-Valley-Besuch zusammen. Dann müssen seine Mitarbeiter erst einmal per Telefon-Interview herausfinden, was die tatsächlichen Ziele der Unternehmen sind, um im Valley die passenden Partner zu finden.

Auch Mario Herger hat erst kürzlich wieder erlebt, zu welch überraschenden Erkenntnissen so eine Bildungsreise führen kann: „Die Delegation eines europäischen Automobilclubs kam mit einigen Puzzleteilchen, weil sie wussten, das sich etwas ändert. Die Struktur des Vereins: Autofahrer als Mitglieder, die gewisse Leistungen bekommen, wie Roadside Assistance, Versicherungsleistungen, Hotels.“ Nach zwei Tagen im Valley fügten sich die Puzzleteile zu einem völlig neuen Gesamtbild zusammen: Die Kombination von elektrischem, autonomem und Carsharing-Fahren bedeutet: Es gibt künftig immer weniger einzelne Fahrzeugeigentümer. Die Halter sind stattdessen Flotten. Wer wird da noch Mitglied im Automobilclub? Niemand. Das Fazit des geschockten Vorstands, so Herger: „Holy Shit! Unser gesamtes Geschäftsmodell bricht weg. Wir müssen etwas tun!“

Eine professionelle Analyse vor der Reise macht so manche Pilgerfahrt um einiges effizienter, weiß Rene van den Hövel. „Der Nutzen und Mehrwert einer Valley-Reise ist dann am höchsten, wenn die Teilnehmer sich fokussieren.“ Schwierig werde es, wenn die C-Level-Manager sich erst im Flieger auf die Reise vorbereiten. Daher mache ein Großteil der Silicon-Valley-Pilger eher Petting statt Business. „Petting“-Touren heißen in der Bay Area jene Reisen, bei denen es nicht zum Geschäftsabschluss oder wesentlichen Erkenntnissen kommt, sondern es am Ende bei einer mehr oder weniger touristischen Reise bleibt. Also eigentlich verschwendete Zeit.

Insider schätzen deren Anteil auf 80 Prozent. „Ich wundere mich manchmal über die Erwartungen. Wie würde wohl ein deutscher Vorstand reagieren, wenn ein unbekanntes ausländisches Unternehmen kurzfristig anfragt, ob es mal eben die Firma besichtigen könne? Würde er fragen, wo er denn bitteschön die Schnittchen hinstellen darf?“, so van den Hövel.

Eigenständig organisierte Individualreisen stellen Unternehmer auf jeden Fall vor besondere Herausforderungen: Etablierte Konzerne wie Facebook, Apple, Google oder Uber erhalten massenhaft Anfragen – allein bei Airbnb waren es nur im letzten Jahr schon rund 75.000. Für Reisende, die kein relevantes Business zu bieten haben, wurden deshalb Besucherprogramme entwickelt, bei denen die Tech-Touristen von einem Manager über den Campus geführt werden.

Wer die nötige Offenheit mitbringt, kann auch dabei etwas mitnehmen, etwa von Google-Standardvorträgen, die zeigen, wie Innovationskulturen aufgebaut werden und das kreative Potenzial von Mitarbeitern freigesetzt wird. „Wie man mehr als 40.000 Mitarbeiter dazu bringt, keine Firmengeheimnisse zu verraten und die Klappe zu halten, hat mich schon beeindruckt“, sagt Dominik Terruhn. „Außerdem ist mir klar geworden, dass Mitarbeiter-Recruiting Chefsache ist. Das haben wir bei uns sofort umgesetzt.“