Fortsetzungsromane haben es selten leicht, vor allem zweite Teile: Viele Leser erinnern sich, wie Winnetou und Old Shatterhand Blutsbrüderschaft schlossen in Karl Mays „Winnetou I“. Tränen wurden verdrückt, als der Häuptling der Apachen im dritten Teil in die Ewigen Jagdgründe einzog. Aber Hand aufs Herz – weiß noch jemand, was in „Winnetou II“ geschah? Kaum.

Gespalten sind daher die Erwartungen der Leserschaft an „Solvency II“, ein Werk, das die Geschichte von „Solvency I“ fortschreiben soll. Das Debüt hatte Anfang der Nullerjahre das Genre des Brüssel-Krimis begründet – als alle noch dachten, düstere Belletristik müsste aus Skandinavien kommen. In die Gesellschaftskritik, die man von den Schweden kannte, mischten die Autoren von „Solvency I“ ein wenig Mystery: Wo die Nordlichter recht plump auf ihr erzählerisches Ziel losgingen, verrätselten die Brüsseler ihre Geschichte mit einer Sprache, die zwischen Poesie und den Geheimcodes okkulter Männerbünde oszilliert. Ähnlich wie bei der Harry-Potter-Reihe schloss man sich zur gemeinsamen Lektüre des Werks zusammen. Juristen, Berater, Finanzexperten und Politiker gehören zu seinen Hardcore-Fans, und ganze Parlamente ließen zeitweilig die Arbeit ruhen, um jene Nüsse zu knacken, die ihnen der Rätselkrimi aufgab.

Erste Leseproben der Fortsetzung sind längst auf dem Markt. Und erneut geht es nur vordergründig um Versicherungsrecht. In Wirklichkeit werden die großen Themen verhandelt: Geld, Macht und die ewige Suche der Menschheit nach Erlösung. Die Anfangssätze nehmen den Leser mit einer Wucht gefangen, wie es nur wenigen Romanen der Weltliteratur gelingt: „Diese Richtlinie findet Anwendung auf Lebens- und Nichtlebensver­sicherungsunternehmen“, heißt es in Art. 2, Abs. 1, Satz 1. Da kann Franz Kafka einpacken! Selbst die Bibel wird von dem „Solvency II“-Autoren­kollektiv herausgefordert. „Am Anfang war das Wort“? Von wegen. Am Anfang waren „Lebens- und Nichtlebensversicherungsunternehmen“.

Wie die Großmeister des Suspense-Kinos schaffen es die Autoren mit sprachlicher Präzision, Unheil zu evozieren, ohne explizit zu werden: Gemäß Art. 94, Abs. 2, Satz 2 werden „alle künftigen Forderungen, die von Ver­sicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit oder diesen ähnlichen Vereinen mit variablen Beitragseinnahmen gegenüber ihren Mitgliedern mittels der Aufforderung zur Beitragsnachzahlung innerhalb der folgenden zwölf Monate geltend gemacht werden können und die nicht unter Unterabsatz 1 Nummer 3“ fallen, als „Tier 2“ eingestuft.

„Künftige Forderungen“ heißt es unheilschwanger, eine „Beitrags­nachzahlung“ streckt ihre Klauen aus. Der erfahrene Leser dechiffriert eine Bedrohung durch finstere Mächte, die die Weltherrschaft an sich reißen könnten. In welcher Gestalt diese Bedrohung die Menschheit heimsuchen wird, deuten die Autoren nur an. Lediglich so viel erfährt man an dieser Stelle: Wenn bestimmte Merkmale und Eigenschaften zutreffen, dann dräuen „Tier 1“, „Tier 2“ oder „Tier 3“.

„Tier 1-3“: Literarisch Beschlagene verstehen, dass die „Solvency II“-Autoren mit dem Namen ihrer Monsters nicht nur auf die Tier-Horrorfilme der 70er-Jahre anspielen wollen, als „Der Weiße Hai“ „Der Weiße Hai 2“ und der „Der Weiße Hai 3D“ das Kinopublikum in Atem hielten. Selbstverständlich sind die Tiere aus „Solvency II“ auch ein Hinweis auf die „Die Offenbarung des Johannes“, das letzte Buch der Bibel, oft „Apokalypse“ genannt, in der sich „das Lamm“ Jesus und der Antichrist als „Tier aus dem Abgrund“ im Endkampf gegenüberstehen.

Wenn man 666 durch die Zahl der genannten Tiere teilt, kommt 222 heraus. Und der Absatz 222 beginnt mit der Drohung: „Die Mehrfachberück­sichtigung der auf die Solvenzkapitalanforderung anrechnungsfähigen Eigenmittel bei mehreren in dieser Berechnung einbezogenen Versicherungs- oder Rückversicherungsunternehmen ist unzulässig.“ In diesen Zeilen könnte der Schlüssel zur Auflösung aller Rätsel liegen. Doch mehr soll hier nicht gespoilert werden. Den Spaß, sich wie Dan Browns kryptologischer Detektiv Robert Langdon anhand der Zeichen­fährten durch das Werk zu tasten, soll keinem Leser verdorben werden.

Die Filmrechte an der „Solvency“-Reihe sind übrigens mittlerweile verkauft. Michael Bay soll kommendes Jahr mit den Dreharbeiten beginnen. Der Action-Spezialist versprach in einem Interview „jede Menge Explosionen und großbusige Frauen“. Für die Rollen der drei Tiere sind die Altstars Fury, Schweinchen Babe und Robert De Niro gecastet.

Der Autor ist Feuilleton-Redakteur der Welt-Gruppe und verfasst die regelmäßige Sprachkolumne „Ein Mann, ein Wort“.