Der brasilianische Patient

Jahrelang versetzte ein Rekord­wachstum das Land am Amazonas in Euphorie. Doch kurz vor der Fußball-WM geht Brasilien die Puste aus. Nur zaghaft wagen sich die Brasilianer an nötige Reformen. Von Andrzej Rybak

Aras fliegen kreischend über die BMW-Halle. Tropisches Dickicht wuchert gleich hinter dem Zaun des Fabrikgeländes in Manaus. Jefferson Dias wischt sich den Schweiß von der Stirn. Trotz Klimaanlage ist es heiß und schwül. „Wir sind hier mitten im Urwald“,
sagt der BMW-Produktionsleiter. „Man kann
sich kaum einen ungewöhnlicheren Ort für die Motorrad-Fertigung vorstellen.“ Komplette
Bausätze werden per Schiff aus Deutschland nach Manaus geliefert und in der Amazonas-Metropole zusammengeschraubt. Die fertigen Zweiräder werden dann wieder auf Schiffe und Lkw verladen und über 4000 Kilometer zu den Absatzmärkten im Süden Brasiliens gebracht. Allein der Transport in Brasilien dauert zwei Wochen.

Doch der Aufwand lohnt sich. Denn
Manaus ist eine Sonderwirtschaftszone, die
maßgeschneiderte Steuerermäßi­gungen
und weitreichende Import­privilegien bietet.
Der Zoll auf die importierten Bausätze ist
dort extrem niedrig. Am Amazonas spart der Motor­radhersteller schätzungsweise 70 Prozent an Steuern im Vergleich zum Rest Brasiliens. „Natürlich sind hier produ­zierte Zweiräder etwas teurer als in Deutschland“, sagt Dias. Aber BMW kann sie immer noch 30 Prozent billiger anbieten als die Deutschland-Importe nach ordnungsmäßiger Verzollung. Voriges
Jahr wurden in Brasilien rund 5500 BMW-Motorräder „made in Manaus“ abgesetzt.

Wer seine Waren in Brasilien verkaufen will, ist früher oder später gezwungen, ein Werk vor Ort zu eröffnen oder andere Schlupflöcher zu suchen – wie BMW. Denn Brasilien hat den Protektionismus zur Staatsräson erklärt. Um die heimische Industrie zu schützen, werden importierte Waren mit restriktiven Zöllen und Importsteuern belegt. Doch dieser Schutz führt auf Dauer zum deutlichen Verlust von Wettbewerbsfähigkeit: „In vielen Branchen sind die Produktionskosten in Brasilien inzwischen höher als in Deutschland“, sagt Rafael Haddad, Geschäftsführer des „Brazil Board“ im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI).

Im Jahr 2013 sind ausländische Direkt­investitionen in Brasilien zum ersten Mal seit Jahren zurückgegangen. Bei Fusionen und Übernahmen betrug das Minus satte 58 Prozent. Viele Investoren üben sich in Zurückhaltung, denn das Wachstum ist ins Stocken geraten. Trotz Bauboom im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft und der Olympischen Spielen 2016 legte das Bruttoinlandsprodukt zuletzt nur um magere 2 Prozent zu. Die Aussichten für dieses Jahr sind kaum besser. Laut einer Bloomberg-Umfrage erwarten 43 Prozent der Börsenanalysten eine Verschlechter­ung der Lage, nur 10 Prozent der Experten geben sich optimistisch.

Auch die Bürger sind unzufrieden. Die hohe Inflation, 5,8 Prozent im vergang­enen Jahr, frisst die Lohnzuwächse. Seit Juni 2013 gehen Brasilianer immer wieder auf die Straße, um gegen die steigenden Lebenshaltungskosten zu protestieren. Aber auch gegen Korruption und Prunksucht der Politiker, die Milliarden in Sportstadien stecken, aber die andauernde Misere im Gesundheits und Bildungswesen nicht in den Griff kriegen. „Die Regierung versucht auf die Herausforderungen zu reagieren, indem sie weiter den Konsum stimuliert“, sagt Samy Dana, Ökonom bei der angesehen­en Fundação Getulio Vargas in São Paulo. Das habe unter Präsident Lula hervorragend funktioniert, dadurch habe Brasilien fast unbeschadet die Weltwirt­schaftskrise überstanden. „Dieses Instrument hat sich aber weitgehend erschöpft.“ Und die langfristigen Folgen sind gravierend: Die brasilianische Politik der billigen Konsumkredite führte zu einer schnell steigenden Verschuldung der Bevölkerung, 65 Prozent aller Privathaushalte sind davon betroffen.

Brasiliens 200 Millionen konsumfreudige Einwohner machen das Land zu einem wichtigen Markt für alle global agierenden Unternehmen. In der vergangenen Dekade legte die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas einen erstaunlichen Aufstieg hin: Das Brutto­inlandsprodukt hat sich seit 2003 vervierfacht, rund 30 Millionen Brasilianer konnten der Armut ent­kommen. Die brummende Weltkon­junktur und steigende Rohstoffpreise spülten Milliarden in die Staatskassen. 2010 wuchs die Wirtschaft um 7,5 Prozent, Brasilien war neben China der unumstrittene Motor der Weltwirtschaft. Internationales Kapital floss ins Land, der Börsenindex Bovespa schoss durch die Decke, die brasilianische Währung Real gewann kontinuierlich an Wert. Kurz: Das Land am Amazonas strotzte vor Kraft und Optimismus.

Niemand profitierte mehr von diesem Aufstieg als der Unternehmer Eike Batista. Er nutzte die internationale Brasilien-Euphorie, um ein Imperium aufzubauen, das ihn kurzfristig zum siebtreichsten Mann des Planeten machte – im Februar 2012 mit einem geschätzten Vermögen in Höhe von 34 Milliarden US-Dollar. „Brasilien boomt“, lautete sein Credo, „wer hier investiert, kann nichts Falsches tun.“ Als vor der Küste riesige Ölvor­kommen entdeckt wurden, sicherte sich Batista mehrere Bohrlizenzen und gründete den Ölkonzern OGX, um den er ein Konglomerat aus Logistikunter­nehmen, Werften, Hafenbetreibern, Bergbauunternehmen und Strom­versorgern schmiedete. Er brachte die einzelnen Unternehmen an die Börse, bevor sie auch nur einen Tropfen Öl gefördert oder einen Spatenstich getan hatten – und sammelte auf diese Weise weltweit rund 26 Milliarden Dollar ein.

OGX aber konnte das Versprechen nicht halten, die Aktien aller Unternehmen stürzten ab. Im November 2013 meldete der Ölkonzern Insolvenz an – die größte Pleite in der Geschichte Lateinamerikas. Batista, der früher gern den Midas mimte, hüllt sich seitdem in Schweigen. Er musste die meisten seiner Anteile an der OGX-Holding verkaufen. Sein Vermögen wird heute von Bloomberg auf nur noch 200 Millionen US-Dollar geschätzt.

Viele ausländische Investoren sind auf dem Höhepunkt des Booms dem Lockruf des Landes erlegen. „Wir sind 2011 nach Brasilien gegangen“, sagt Ulrich Schappel, Geschäftsführer der Brasilien-Tochter des deutschen Mittelständlers Losberger in Curitiba. Losberger vermietet Spezialzelte für Events und Großveranstaltungen, baut temporäre Hallen für Messen und Ausstellungen. „Wir rechnen in diesem Sektor weiter mit einer positiven Entwicklung.“ Der Geschäftseinstieg war allerdings wie eine kalte Dusche. „Die Bürokratie ist apokalyptisch, es dauert viele Monate, um ein Unternehmen zu gründen“, schimpft Schappel. Laut „Doing-Business-Ranking“ der Weltbank braucht man in Brasilien 107,5 Tage, um eine Firma zu gründen. Das ist Rang 123 auf der Welt. Der Zoll gilt als größtes Hindernis: „Ich besuchte mal ein Seminar der Banco do Brasil“, sagt Schappel. „Dort riet der Referent den Investoren: ‚Wenn der Zollbeamte euch bittet, auf einem Bein zu hüpfen, dabei zu jonglieren und Volkslieder zu trällern, dann macht das besser. Denn in Brasilien ist der Zoll Gott!‘“ Um seine Zelte nach Brasilien einführen zu können, mussten die Deutschen rund 100 Prozent des Warenwerts an Zöllen und Steuern bezahlen. „Das können wir den Kunden unmöglich aufschlagen“, sagt Schappel.

Für viel Verunsicherung unter den Investoren sorgt Brasiliens Regierung, die permanent in die Wirtschaft eingreift. Sie hat das Sagen bei den relevanten Kon­zernen wie Petrobras oder Vale, sie bestimmt die Konditionen bei Ausschrei­bungen für Ölfelder oder bei Infrastruk­turprojekten. „Unsere Wirtschaft ist sozialistisch angehaucht“, kritisiert Samy Dana. „Dilma Rousseff, unsere Präsi­dentin, glaubt an dieses System.“ Zu den Opfern dieser Eingriffe gehört vor allem Ölgigant Petrobras. Der halbstaatliche Konzern exportiert sein Rohöl, weil es in Brasilien nicht genug Raffinerie­kapazitäten gibt. Dafür muss er das Benzin zu Marktpreisen im Ausland kaufen und in Brasilien zu staatlich regulierten Preisen vertreiben. Ein desaströses Zuschussgeschäft. Doch die Regierung weigert sich, die Benzinpreise freizugeben, weil das die Inflation weiter anheizen würde.

Einiges im Argen liegt auch bei den Ausschreibungen für neue Ölfelder: Im Oktober wurde die Lizenz an dem riesigen Libra-Feld versteigert, obwohl es nur einen einzigen Bieter gab – ein Konsortium von Shell, Total und den chinesischen Konzernen CNOOC und CNPC. Andere Ölmultis wie Chevron oder BP boten aus Angst vor späteren Eingriffen des Staates gar nicht erst mit. Ähnlich verläuft es mit Infrastruktur-Programmen, die seit Jahren von der Regierung vollmundig angekündigt werden – und regelmäßig in einem Sumpf aus Bürokratie und Korruption versinken. Nach den neuesten Plänen sollen bis 2017 rund 100 Mrd. Euro allein in den Ausbau von Straßen, Häfen und Eisenbahnen investiert werden. Doch die ersten Ausschreibungen – mit Ausnahme von Flughäfen – ziehen nur wenige Investoren an, weil die Konditionen nicht attraktiv genug sind. „Sie sind oft mit einem so hohen Risiko behaftet, dass sich kaum ein Unter­nehmen beteiligen will“, sagt Samy Dana.

Dabei bremst die miserable Infrastruktur seit Jahrzehnten das Wirtschafts­wachs­tum. Flughäfen und Häfen haben längst ihre Kapazitätsgrenzen erreicht. Das Land hat kaum Eisenbahnlinien, der gesamte Transport wird mit Lkw auf schlecht ausgebauten Straßen abgewickelt. „Die Frachtpreise innerhalb Brasiliens sind drei Mal so hoch wie zwischen Brasilien und Japan“, schimpft Rafael Haddad vom BDI. In endlosen Karawanen schleppen sich die Lastwagen im Bundesstaat Mato Grosso zu den Häfen in Santos und Paranagua. „Die Frachtkosten liegen bei 100 Dollar pro Tonne. Das ist doppelt so hoch wie in Argentinien oder in den USA“, sagt Sojafarmer Leandro Gazola. Eine neue Straße zum Amazonas oder eine Eisenbahnlinie an die Küste würden die Wege erheblich verkürzen. Doch es passiert: nichts.

Kurzfristig wird sich daran nichts ändern. In Juni dürfte die WM das Land für einen Monat lahmlegen. Und im Oktober stellt sich Präsidentin Rousseff zur Wiederwahl. „Sie wird dieses Jahr sicherlich keine schmerzhaften Reformen einleiten“, sagt Samy Dana. „Dilma Rousseff wird die Politik der Geldgeschenke fortsetzen, um die Wahlen zu gewinnen.“